Supernatural: The Hickman Files

Rotkappe und Supermond

In Dennis und Zena, Oklahoma

Am Tag nach der Geschichte mit König Arash und seinem Pfeil kam Heather Star Hickman in Gun Barrel City an. Sie hatte bei ihrer Meditation einen netten jungen Streifenpolizisten kennengelernt, und nach einer sehr erfüllenden Zeit mit tantrischen Übungen fuhr er sie zu ihrem Bruder.
Gerade hatten sich die Geschwister ausgetauscht, als Victoria ein Anruf erreichte: „Du bist doch in der Nähe von Jay, Oklahoma, nicht wahr? In der Zeitung stand, dort wäre jemand beschuldigt worden, ein Werwolf zu sein… kannst du dir das mal anschauen? In ein paar Tagen ist ja der Supermond, da könnte ein Werwolf ein echtes Problem sein…“

Gut, also packten Victoria und die beiden Hickmans ihre Siebensachen und fuhren die 350 Meilen nach Norden. Jay war ein kleines Nest von zweitausend Seelen, aber immerhin der County Seat, und es gab einen großen Walmart. Der Zeitungsartikel, den Victorias Verwandter erwähnt hatte, berichtete von einem Streit, der ausgerechnet in diesem Supermarkt zwischen Leuten aus Dennis und Leuten aus Zena ausgebrochen war. Dabei flogen wohl auch Anschuldigungen wie „Ihr habt Wolfsgeister auf uns gehetzt“ und „Einer von euch ist doch ein Werwolf!“ Sehr merkwürdig.

Im Walmart erfuhren die drei Jäger, dass die Leute aus Dennis und die Leute aus Zena schon länger eine Fehde führten. Die beiden Countys lagen direkt nebeneinander, aber während die Einwohner von Dennis relativ wohlhabend waren, herrschte in Zena bittere Armut. Eine genaue Erklärung ließ sich dafür nicht finden. Jedenfalls kamen die Leute aus den abgelegenen Gegenden alle immer donnerstags einkaufen – obwohl sie sich leicht aus dem Weg hätten gehen können. Zu Schlägereien im Walmart war es aber bisher nicht gekommen. „Vielleicht liegt es am Supermond“, mutmaßte der Angestellte und verkaufte Heather eine hübsche Kette mit einem Mondanhänger daran.

Um sich einen besseren Eindruck zu verschaffen, fuhren Heather, Billy und Victoria von Jay aus nach Norden und erreichten Zena als erstes. Zena hatte eine winzige Kirche, vor der ein paar Jugendliche herumhingen. Nach anfänglichem Misstrauen fingen sie an, sich lebhaft mit den Jägern zu unterhalten. Die sechszehnjährige Bridey Sixkiller erzählte, dass sie eines Nachts von etwas verfolgt worden sei – etwas Großem. „Vielleicht sogar ein Werwolf, aber auf jeden Fall aus Dennis! Denen ist ja alles zuzutrauen!“
Schließlich überredete Heather den siebzehnjährigen Ray Clark und seinen Cousin Pearly, ihr zu zeigen, wo ein anderer Angriff stattgefunden haben sollte. Das war auch soweit ganz erfolgreich: Sie fand interessante Spuren, einmal ältere von einem großen Wolfsmenschen, und einmal Spuren von sehr kleinen Schuhen. Von der Größe und dem Gewicht her, meinte sie, könnte es ja ein Kind gewesen sein, aber die Schuhe waren zu schmal für Kinderfüße… sehr merkwürdig.
Es wurde schnell noch merkwürdiger, als ein wildgewordener Hillbilly auftauchte und auf das Grüppchen schoss! Er traf Pearly, glücklicherweise nur ein Streifschuss, aber der Teenager blutete aus einer tiefen Schramme am Oberarm. „Das hier ist mein Land“, brüllte der Schütze. „Verschwindet sofort!“ Billy zog seine Schwester weg, bevor noch mehr Schüsse fielen.

„Das war McClellan“, erklärte Ray. „Wir sind zu weit in Richtung Dennis gegangen.“ Er war aufgebracht, aber nicht eben überrascht. Tja, so ist das halt in den Ozarks. Da wird gern mal scharf geschossen.
Victoria verband Pearly, dann fuhren alle zusammen zurück nach Zena. Heather schaffte es, Rays wilden Racheschwüren Einhalt zu gebieten – zumindest vorerst.

Nachdem sie sich von den jungen Männern getrennt hatten, fuhren die drei Jäger zu einem nahen Campingplatz, wo sie übernachten wollten.
Victoria überlegte noch eine Weile, woher die kleinen Fußspuren stammen konnten. Verlorene Kinder? Kleinwüchsige Zirkusartisten? Was es auch immer war, das Wesen trug Schuhe. Heinzelmännchen vielleicht? Oder… ihr fiel eine alte schottische Geschichte ein, die Geschichte von den Rotkappen: Gemeine kleine Feenwesen, die menschliches Blut brauchten, um ihre Kappen schön rot zu färben. Aber sie durften das Blut nicht selbst vergießen, sonst wirkte es nicht.

Das klang doch nach dem, was hier passierte: Leute wurden aufgehetzt, Blut wurde vergossen, Spuren kleiner Füße. Gerade als Victoria mit ihren Ausführungen fertig war, hörten die drei aus der Ferne einen Schuss. Eilig liefen sie los, um nachzuschauen, was passiert war: Ein paar Jugendliche aus den beiden Bezirken waren am romantischen Mystic Beach (kaum mehr als eine kleine Sandkuhle am Flussufer) aneinandergeraten. Viel war nicht passiert, aber es war Blut geflossen, und als Heather sich umsah, hörte sie aus einem Gebüsch ein schmatzendes, saugendes Geräusch. Leider gelang es ihr nicht, das kleine Wesen zu erwischen, das da saß, aber sie konnte im Mondlicht seine rote Kappe deutlich erkennen.

Nun ja, es war in der Nacht entkommen, also war nicht mehr viel zu tun. Heather Star lud alle Jugendlichen für den nächsten Abend zu einer Mondparty am Mystic Beach ein und schenkte Bridey Sixkiller ihre Mondkette. Das erwies sich ein paar Wochen später als sehr nützlich, weil… aber das ist eine andere Geschichte.

Heather, Billy und Victoria brachen am nächsten Morgen früh zur Delaware Baptist Church auf, weil dort die Leute von Dennis in die Kirche gingen (in die Kirche von Zena hätten die wohl keine zehn Pferde gebracht).
Sie hatten einen kurzen Zusammenstoß mit Mr. McClellan, dem es überhaupt nicht leid tat, dass er sie mit der Schusswaffe von seinem Land vertrieben hatte. Immerhin fanden sie heraus, dass McClellan schottische Vorfahren hatte, wie der Name vermuten ließ. Das brachte die Jäger auf eine Idee, und als der Gottesdienst losging, fuhren sie schnell zurück in Richtung von McClellans Haus.

Auf seinem Grundstück fand Heather Star die Spuren der Rotkappe. Das Wesen hatte sich in einem alten Eishaus niedergelassen, aber als die Jäger sich näherten, rannte es nicht einfach davon, sondern griff wütend an! Mit seinen scharfen Klauen brachte es Heather ein paar Kratzer bei, bevor Billy es niederringen konnte. Aber was sollten sie jetzt mit der Rotkappe machen? Das Wesen musste zurück ins Feenreich, das war ja klar, aber würde es sich an ein Versprechen halten?
Glücklicherweise besaß Victoria noch den Eisenkäfig, in den sie das Pechmännchen in Gun Barrel City gesperrt hatte. Mit ein paar Drohungen von Billy und ein wenig Schmeichelei von Heather versprach die Rotkappe schließlich hoch und heilig, wegzugehen und nicht wiederzukommen. Dann drehte es sich um sich selbst, schneller und immer schneller, und verschwand mit einem lauten Knall. Nur die rote Mütze blieb zurück – eine Trophäe für Heather!

Am Abend feierten die drei Jäger den Supermond mit den Jugendlichen und anderen Leuten aus der Gegend. Alles in allem blieb das Fest erstaunlich ruhig, auch wenn zwischendurch aus weiter Entfernung Wolfgeheul zu hören war – ein Werwolf, erklärte Victoria. Das war ein sehr markantes Heulen! Offenbar gab es hier wirklich eines dieser Monster, aber es schien sich unter Kontrolle zu haben, denn es wurde in dieser Nacht niemand verletzt oder getötet. Nein, auch auf der Feier nicht, obwohl es ein paar Mal kurz davor war. Offenbar brauchten die Leute hier nicht unbedingt eine Rotkappe, um sich nicht zu mögen. Allerdings erfuhren Billy, Heather und Victoria den Grund dafür nicht – zumindest nicht dieses Mal…

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Marganma

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