Supernatural: The Hickman Files

Blutige Rosen
Evergreen, Alabama

Ach, der Valentinstag! Was für eine schöne Gelegenheit, die Liebsten zu beschenken und sich in glücklichen rosa Romantikwölkchen zu ergehen!

…zumindest, wenn man kein Jäger ist. Als Jäger ist der Valentinstag oft eine bizarre Halloween-Parodie, bei der die Monster besonders gern, besonders eifrig und auf besonders groteske Art und Weise auf die Jagd gehen.

So war das auch in Evergreen, Alabama, als Heather Star und Clearwater Billy Hickman am 14. Februar auftauchten. Sie hatten etwas von blutleeren Leichen in der Zeitung gelesen und wollten der Sache nachgehen.
Aber so weit kamen sie erstmal gar nicht: Als sie vor einem Diner anhielten, hörten sie panische Schreie. Und weil sie natürlich hineingingen, um nachzusehen, waren sie noch vor der Polizei dort. Was war passiert? Eine Sitzgruppe war vollkommen von einem dornigen Rosengestrüpp mit prachtvollen tiefroten Blüten überwuchert. Am Boden breitete sich eine Blutlache aus, in der hungrige Wurzeln wucherten.
„Sally und George“, stammelte die Bedienung, „grad eben… grad eben haben sie sich geküsst… und jetzt… was…“ Das war wohl ihre erste Begegnung mit dem Übernatürlichen.
Heather und Billy schauten sich das Gestrüpp genauer an. Ja, da waren zwei Menschen drin, völlig durchbohrt von Ranken und Ästen. Beide offensichtlich tot. Zwischen ihnen stand ein Blumentopf, aus dem das Gestrüpp sprießte – ein hübscher rosa Blumentopf mit der Aufschrift „Happy Valentine“. Er wäre wohl noch hübscher gewesen, wenn nicht überall Blut gewesen wäre.

Die örtliche Polizei tauchte auf und beschäftigte sich damit, Absperrband anzubringen. Offenbar waren die beiden Officers völlig überfordert, weil das auch nicht der erste Todesfall in einem Dornenbusch heute war. Schon zwei andere Pärchen lagen durchbohrt in der Stadt.

Immerhin waren sie nicht die einzigen Jäger in Evergreen: Vor dem Diner hielt ein wohlbekannter roter Dodge Ram mit einer riesigen Lichtorgel. Stinger war in der Stadt! Eigentlich wollte er Bobby Dee eine Valentinsblume bringen, aber wenn es hier etwas zu jagen gab… „Ich schaue erst mal, ob ich Bobby Dee und Tam finde, wir wollten uns hier treffen. Aber wenn ihr was braucht, sagt Bescheid.“

Heather fand die Adresse des Blumenladens unten auf dem Topf. Als sie und Billy dort ankamen, war ziemlich viel los. Klar, an einem Valentinstag. Nach einigem Hin und Her mit Blumenkäufern und Blumenhändlern gelang es den beiden, die verdächtigen Töpfe aus dem Verkehr zu ziehen und zu erfahren, dass sie von einem Gärtner namens Joey geliefert wurden.

Also taten sich die Hickmans mit Stinger zusammen. Der wollte ohnehin grad in die Richtung, weil da auch die blutleeren Leichen gefunden worden waren. Wie lautet das alte Jägersprichwort? „Es gibt keine Zufälle.“
Joey, ein grimmiger, ungepflegter Kerl, hatte allerdings keine Lust, mit den Hickmans und Stinger zu reden. Es kam zu einem kurzen Gerangel an der Tür, und plötzlich sprießten überall Wurzeln und Dornenranken aus dem Boden und griffen nach den Jägern! Gut, mit brachialer Gewalt würde es schwierig werden… aber mit brachialer Gewalt und einem Dodge Ram?
Die Jäger zogen sich zum Auto zurück, dann steuerte Stinger den Wagen durch die wild peitschenden Ranken schnurgerade auf das Haus zu. Zumindest, bis ihn eine besonders kräftige Wurzel am Kopf traf und er das Bewusstsein verlor. Heather übernahm das Steuer, und siehe da, es war gar nicht so schwer: Mit viel Schwung krachte der Dodge Ram in die Hauswand, überrollte Wurzeln, Ranken und Joey, bevor er zum Stehen kam. Heather und Billy nahmen den Gärtner gefangen.
„Alle lachen mich aus“, beklagte er sich. „Vor allem diese Schlampe Holly… die hat nur mit mir gespielt. Jedes werden sie alle sehen, was sie davon haben! Audrey, meine Rose, ist die einzige, die mich versteht!“

Aha. Eine dämonische Rose. Was es alles gab. Nun, Billy und Heather waren nicht ungebührlich beeindruckt, sondern gingen zum Gewächshaus, in dem das infernale Gewächs wucherte. Heather sprach einen Exorzismus, während Billy ihr die Ranken vom Hals hielt, und das klappte auch ganz gut (abgesehen von Billys gebrochenem Arm). Die Rose verdorrte zu ekligem Schleim, Joey schüttelte sich und murmelte gebrochen. „Sie war in mir… ich wollte doch nur jemandem, mit dem ich reden konnte… aber sie war so böse…“ Der musste dann wohl zu Onkel Cletus ins Sanatorium.

Nachdem Stinger einen Joint gegen die Kopfschmerzen geraucht und Billys Arm eingegipst worden war, trafen sich die drei mit Bobby Dee Hickman und Tam Jackson. Tam war wohl gerade im Wald unterwegs gewesen, sie sah ein bisschen verwildert aus. Den Valentinstag hatte sie auch vergessen, scheinbar nicht unbedingt zur Begeisterung ihres Ehemanns (ja, den gibt es wirklich). Sie führte ein etwas gereiztes Gespräch mit ihm, unter Heathers Ermahnungen. „Sei lieb zu ihm!“ Wie sich die Sache jetzt mit Tam, ihrem Ehemann und Clive verhielt, war nicht so ganz klar: Laut Bobby Dee hatte Tam immer abgestritten, dass da etwas zwischen ihr und Clive gelaufen war, aber so besessen, wie sie von dem Kerl war… Stinger hingegen glaubte gar nicht, dass Tam verheiratet war. Der dachte, das wäre nur eine Ausrede, mit der sie sich nassforsche Jäger vom Hals hielt.

Schließlich einigte sie sich mit ihrem Gemahl und fuhr los Richtung Heimat. Vorher erzählte sie aber, dass sie eigentlich einen Vampir gejagt hatte, der sich für Deadpool hielt – konnte sich da jemand drum kümmern? „Natürlich“, sagten Heather und Billy und machten sich auf den Weg in ein neues Abenteuer….

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Bakus und Vampire
Chicago, Illinois

Sally Hickman – Entschuldigung, Celine Hayward hatte es geschafft, eine Rolle in Chronos Limit, einer TV-Serie über zeitreisende Monsterjäger, zu ergattern: Sie war die grausam-schöne Vampirkönigin, die in der fünften Folge der zweiten Staffel von den Helden geschlagen wurde. Aber sie überlebte, und das Studio hatte Celine gefragt, ob sie nicht vielleicht Lust hätte, Lucrea noch einmal zu spielen. Klar hatte Celine das!
Leider gab es ein kleines Problem: Der erfolgreiche Drehbuchautor Andrew Delane, der für den Lucrea-Plot zuständig war, hatte Anfang des neuen Jahres angekündigt, seinen Job an den Nagel zu hängen und BWL zu studieren.

Davon hatte Celine noch gar nichts mitbekommen, als sie Billy und Heather an einem kalten, windigen Tag in Chicago traf. Allerdings währte die Freude über das Zusammentreffen nicht lange, denn Heather zeigte der Schauspielerin den Zeitungsartikel über Delane – da stimmte doch etwas nicht! Das war doch sicher ein klarer Fall für die Hickmans!
Gut, mehr oder weniger glücklich schloss sich Celine ihren Verwandten an. Sie wollte doch mit der Monsterjagd eigentlich nichts mehr zu tun haben. Na, da ist sie in die falsche Familie hineingeboren worden, und es wird für sie noch schlimmer werden. Aber ich will da nicht zu viel verraten.

Gemeinsam fuhren die drei nach Arlington Heights, wo Andrew Delane lebte. (Zufälligerweise wurde dort 2010 das Remake von Nightmare on Elmstreet gedreht, aber das hat mit der Geschichte nur am Rande zu tun.) Der arme Mann war ziemlich verwirrt, als Celine so unvermittelt bei ihm auftauchte, noch dazu mit ihren „Assistenten“ im Schlepptau. Aber ihm war tatsächlich etwas zugestoßen, er fand generell alles verwirrend und ließ sich leicht überreden, seine Gäste hineinzulassen und ihnen alles zu erzählen. Gut, als er Heather in seinem Schlafzimmer vorfand, war er kurz irritiert, ließ sich aber überzeugen, dass sie ja nur die Toilette gesucht habe.
„Ich habe einen ganz normalen Abend mit meinem Freunden in einem Restaurant verbracht“, erzählte er, immer mit einem fragenden Unterton, als wäre er sich nicht ganz sicher, ob das wirklich ihm passiert war. „Dann ging ich heim, schrieb noch ein wenig und legte mich dann schlafen. Als ich aufwachte, wusste ich erst mal gar nicht, wo ich war. Oder wer ich war. Das legte sich wieder, aber… ich kann nicht mehr schreiben. Mir fällt einfach nichts mehr ein… ich dachte ja, ich könnte vielleicht BWLer werden, aber das ist mir dann auch zu langweilig.“ Traurig sah er zu einem Stapel Lehrbücher über Volkswirtschaft hinüber.
„Ich war auch bei der Polizei, ich dachte ja, vielleicht hat mir jemand etwas in den Drink getan oder so, aber eine Blutuntersuchung ergab nichts. Aber ich hatte da diese seltsame Verletzung …“ Er deutete auf eine Stelle an der Schulter, wo man noch schwache Spuren eines runden Mals erkennen konnte. Was war denn das? Die Ärzte hatten es nicht gewusst.
Viel mehr konnte er nicht erzählen. Heather schaute sich im Garten um und fand heraus, dass sich etwas oder jemand Zutritt zu seinem Schlafzimmer verschafft hatte („Ich schlafe ja immer bei offenem Fenster!“), aber sie konnte keine richtigen Spuren finden. Es war zu leicht für einen ausgewachsenen Menschen, aber das war ja ein weites Feld.

Schließlich verließen die drei Jäger – Entschuldigung, die zwei Jäger und Celine – den glücklosen Drehbuchautoren wieder. Auf der Straße fiel Billy ein merkwürdiger Vorfall auf: Ein sichtlich übermüdeter Mann in teurem Anzug (ein Fondsverwalter für Immobilienfonds namens Sean McNamara, dessen Großvater ein Jäger gewesen war) blieb plötzlich stehen und blinzelte einen Hydranten an. „Was für ein komischer Hund“, murmelte er.
Heather sprach ihn sofort an. „Was ist denn los?“, wollte sie wissen.
„Nichts, nichts“, erwiderte der Fondsverwalter fahrig. „Der Hund da…“, er deutete auf den völlig hundefreien Hydranten, „…na, ich dachte, er sähe seltsam aus. Bin wohl übermüdet. Na, jetzt läuft er weg.“ Sein Blick folgte etwas weg von dem Hydranten in Richtung des Memory Gardens Cemetary. Heather stellte ihm noch ein paar Fragen, aber er wollte mit der hippiesk aussehenden jungen Frau nicht viel zu tun haben und eilte davon.

Aber die drei Hickmans hatten eine neue Spur. Neugierig begaben sie sich auf den Friedhof und schauten sich dort um. Viele Gräber mit japanischen Namen, stellten sie fest. Es dauerte nicht lange, bis sie ein junges Mädchen entdeckten, das desorientiert auf einer Bank saß.
Heather und Celine sprachen sie an. Sie wusste nicht so recht, was eigentlich passiert war – sie konnte sich nicht einmal erinnern, weshalb sie sich bei der eisigen Kälte auf einem Friedhof war. Ihr Name war Miriam, in ihrer Tasche entdeckte Celine ein paar Farbdosen. Vielleicht eine jugendliche Sprayerin? Sie sah ziemlich heruntergekommen aus, also luden die Cousinen sie zunächst auf einen Kaffee und etwas zu Essen ein.

In der Zwischenzeit hatte sich Billy weiterhin umgeschaut und war ins Gespräch mit einer alten Japanerin gekommen. Miyuki erzählte ihm, dass sie unter Schlafstörungen litt und öfter auf dem Friedhof die Gräber anschaute. Auf den seltsamen Hund angesprochen, meinte sie: „Ach, die Baku meinst du? Ja, die wohnen hier auf dem Friedhof. Das sind japanische Geister, die Alpträume fressen. Die sehe ich ab und zu. Liegt vermutlich am Schlafmangel, da halluziniere ich alles Mögliche… du hast nicht wirklich drei grüne Hörner, oder?“

Baku? Davon hatten die Hickmans natürlich schon gehört: Japanische Geister, im Allgemeinen wohlwollend, die Träume fraßen. Meistens Alpträume, aber es konnte schon mal vorkommen, dass auch mehr gefressen wurde, und dann verlor das Opfer jegliche Kreativität und Antrieb. Ein Mensch konnte Baku nur sehen, wenn er völlig übermüdet war.

„Na“, freute sich Heather, „das ist ja einfach. Ich suche mir einfach einen netten jungen Mann, wir verbringen ein paar nette Stunden miteinander, dann bin ich erschöpft und übermüdet.“
Celine war sich zwar nicht so sicher, ob das der richtige Weg war, aber Heather war Feuer und Flamme. In einem nahen Diner traf sie Glenn und ging mit ihm nach Hause. Nach getanen netten Stunden erzählte ihr Glenn jedoch, dass er ein Silbermond-Druide wäre, der seinen Weg verloren hätte. „Ich spüre eine starke Verbindung zu Gaia in dir“, sagte er zu Heather. „Kannst du mir bitte helfen, meinen Weg wiederzufinden?“ Na, da konnte sie schlecht Nein sagen. Also schrieb sie Billy eine SMS und machte sich mit Glenn auf den Weg in die Wildnis, um ihn zurück zu Mutter Erde zu bringen.

In der Zwischenzeit war auch Victoria in Chicago angekommen. Sie hatte von ihrem Onkel Steward eine merkwürdige Story gehört: Drei Zeugen in einem Mordprozess hatten ihr Gedächtnis verloren. Das klang ungewöhnlich, und Victoria wollte sich das einmal ansehen.
Unterwegs traf sie Celine und Billy (Heather war ja mit Glenn beschäftigt). Gemeinsam trafen sie sich mit einem Reporter, der einen Artikel über diese Sache geschrieben hatte.

„Also“, erklärte der junge Mann. „Ich fange besser vorn an: Nick Galloway ist ein Pate im irischen Mob von Chicago. Charles Flannagan ist sein Mann fürs Grobe. Bei einer intensiven Untersuchung bezüglich eines Immobilienskandals sind Hinweise ans Licht gekommen, dass Flannagan drei Leute – eine Reporterin, einen Privatdetektiv und einen Wirtschaftsprüfer – um die Ecke gebracht hat, damit sie nichts erzählen können. Es gab aber drei Zeugen für diese Morde: Einen Taxifahrer namens Oscar Lancy, einen Ladenbesitzer namens Gupta und eine weitere Person, die von der Polizei aber streng geheim gehalten wird. Vermutlich auch ein Mobster. Eine Quelle hat mir erzählt, dass alle drei vor zwei oder drei Wochen ihr Gedächtnis an die Vorfälle verloren hat. Offenbar waren alle drei desorientiert aufgewachte und konnten sich an nichts mehr erinnern.“ Er schüttelte den Kopf. „Die Polizei vermutet wohl Drogen oder Erpressung.“

Celine und Billy wechselten einen bedeutungsvollen Blick. Nachdem der Reporter sich wieder verzogen hatte, erzählten sie Victoria von den Baku in Arlington Heights. Die hatte natürlich schon von Baku gehört: Geschaffen aus den Resten der Schöpfung, eigentlich gute Geister. Konnten nur mit Waffen aus weißer Jade getötet werden (Billy horchte bei dem Wort „Waffen“ auf), aber man konnte mit ihnen sprechen und verhandeln, auch wenn Victoria gehört hatte, sie wären „seltsam“. Um so einen Baku zu beschwören, brauchte man allerdings einen geweihten Mikoshi – einen Shinto-Reiseschrein. Ob es so etwas in Chicago gab?

Gab es. Und zwar bei den Requisiten von Chronos Limit.Ein echter Mikoshi, von einem echten Shinto-Priester geweiht. (Das hatte seine Gründe, aber die haben mit der Sache nur am Rande zu tun… es ging um Feng-Shui.)
Na, dann würden sich Billy, Victoria und Celine mal daran machen, die Baku zu beschwören. Bei dem Gespräch mit dem Reporter, dem Herumgefahre durch den Berufsverkehr von Chicago und dem Beschaffen des Schreins hatten sich Billy und Celine ordentlich müde gelaufen, und Victoria war ohnehin die Nacht durchgefahren.

Als sie zurück nach Arlington Heights kamen, war es schon dunkel. Das war auch ganz gut, denn Beschwörungsrituale wirken oftmals befremdlich für Zuschauer. Wer weiß, was die Friedhofsgäste gesagt hätten.
Mit dem Mikoshi, etlichen Räucherstäbchen und passenden Gebeten rief Victoria die Bakus, und nach ein paar Minuten tauchten die Geister tatsächlich auf: Etwa so groß wie ein Bernhardiner, mit Tigerfell und -klauen, einem Ochsenschwanz und einem Elefantenrüssel. Es waren sieben Stück, die aufgeregt um die drei Menschen herumwuselten.

Victoria unterhielt sich zunächst eine Weile auf Japanisch mit den scheuen Wesen, aber es stellte sich bald heraus, dass sie auch Englisch konnten.
„Wir wollen groß und stark werden“, erklärten die Bakus. „Dafür müssen wir viel trinken… nicht nur die leckeren Sachen. Das hat die Frau gesagt.“
Was das denn für eine Frau war, wollten Billy und die anderen wissen. „Eine kalte Frau mit dunklem Fell. Sie hatte ein Auto, und wir durften damit fahren!“ Einige Bakus waren ganz aus dem Häuschen, andere fanden das gar nicht so schön.
Aber es war klar, dass die „kalte Frau“ die Geisterwesen nach Chicago gebracht hatte, um sie auf die Zeugen zu hetzen.
„Das ist nicht gut für die Menschen, was ihr da tut“, erklärten Victoria und Celine nachdrücklich. „Denen geht es jetzt sehr, sehr schlecht.“
Das wollten die Bakus nun nicht. Sie wollten nur helfen! Aber sie wussten nicht, wie sie das rückgängig machen konnten – sie waren bereit, auf die neugewonnene Kraft zu verzichten, aber wie das genau gehen sollte… vielleicht gab es einen Heiligen Mann, der da helfen konnte?
Das mussten Billy und die anderen erst noch herausfinden. Sie verabredeten mit den Bakus, dass sie sie wieder rufen würden, wenn sie eine Möglichkeit gefunden hatten. Danach durften die Geisterwesen noch eine Weile in Victorias Hummer herumfahren, bis einem davon fast schlecht wurde.

Gegen Morgen legten sich die drei erstmal ein paar Stunden hin, bevor sie auf die Suche nach einem Shinto-Priester gingen. Das Glück war ihnen hold: In einem japanischen Laden fanden sie außer Mangas und Animes in Originalsprache auch jede Menge Räucherstäbchen, Figurinen und andere Dinge, die man für die Ahnenverehrung so braucht. Außerdem fanden sie Haruko, einen recht jungen, recht modernen Shinto-Priester. Es gelingt Celine und Victoria, ihn zu überzeugen, dass es ein Problem mit den Baku gibt und dass sie seine Hilfe brauchen. Gut, er war Shinto-Priester, also glaubte er auch an Baku – das machte es einfacher. Schließlich fingen Victoria und er an, ein Ritual zu planen, um die Betroffenen zu heilen.

(Celine hatte während ihres Nickerchens von Clive geträumt. Der erzählte ihr wieder, dass er in ihr seine kleine Schwester sah – und dass sie zur Jägerin werden müsste, damit sie eine Chance hatte, zu überlegen. Dafür würde er schon sorgen!)

Ein paar Stunden später tauchte Heather wieder auf. Sie hatte Glenn geholfen, wieder ein bisschen besser mit sich und seiner Druidizität (sein Wort, nicht meins!) klarzukommen, und war jetzt bereit, sich weiter um die Sache mit den Bakus zu kümmern.
Da das Ritual am besten funktionierte, wenn alle Beteiligten ihre Träume auf einmal wiederbekamen, machten sich Heather, Victoria und Celine auf den Weg, um den Taxifahrer und den Ladenbesitzer zu suchen. Billy ging in der Zeit los, um nach Miriam zu schauen.
Leider war Billy damit ziemlich beschäftigt, weil das antriebslose Mädchen von einem russischen Bärenmonster entführt worden war und er sie erst einmal aus dessen Fängen befreien musste. Das Monster entkam allerdings. Deswegen kam er zu den Ereignissen beim Baku-Ritual zu spät, und Miriam leider auch.

Der Ladenbesitzer war nicht schwer zu finden – er war in seinem Laden und schaute trübsinnig vor sich hin. Das änderte sich, als Celine ihm erklärte: „Wir sind hier, um Ihnen zu helfen.“ Leider dachte er, die drei Frauen wären von der irischen Mafia, und Celine ließ ihn auch in diesem Irrglauben. Es war leichter, ihn mitzunehmen, wenn er Angst vor ihr hatte. Heather fand das nicht in Ordnung, aber das störte Celine wenig. Es war jedenfalls effektiv, denn Mr. Gupta schloss seinen Laden ohne weitere Widerworte und kam mit.
Oscar Lancy, der Taxifahrer, war schnell gerufen. Er war nicht allzu freundlich und hatte keine Lust, mit Heather Smalltalk zu betreiben. Nach ein paar kitzligen Momenten, als Gupta ihn vor dem irischen Mob warnen wollte, überzeugte Celine ihn, doch lieber mitzukommen.

Als sie bei Andrew ankamen, trafen sie Haruko, der gerade den Schrein ins Haus bringen wollte – leider wusste der Drehbuchautor gar nichts von dem Plan und ließ ihn nicht hinein. Während die drei Cousinen das Missverständnis aufklärte, nutzte Gupta die Gelegenheit zur Flucht, allerdings konnte Victoria ihn schnell in Oscars Taxi wieder einfangen.
Nach einer kurzen Besprechung und knappen Erklärungen rief Victoria zunächst die Bakus zum Haus. Da Andrew ja bekanntlich seine Fenster gern gekippt ließ, hatten die Wesen keine Probleme, einzudringen und tauchten im Wohnzimmer auf, sehr zur Überraschung von Oscar. Der arme Taxifahrer war übermüdet genug, um die merkwürdigen Wesen zu sehen, Heather allerdings nicht.

Gut. Haruko meinte, die drei Opfer müssten schlafen, also mischte Heather Andrew, Mr. Gupta und Oscar einen beruhigenden Tee. Zwanzig Minuten später schliefen die drei Männer friedlich auf dem Boden des Wohnzimmers, und Haruko begann das Ritual.
Das dauerte eine Weile, und währenddessen bemerkte Heather draußen drei Männer, die aus einem Auto stiegen und sich sehr für das Haus interessierten. Alle drei waren weiß und sahen aus wie Schläger. Irische Schläger. Die wollten doch nicht… Natürlich wollten sie. Na, ich will es nicht zu spannend machen: Es waren Vampire. Glücklicherweise noch sehr junge Vampire, die nicht recht wussten, wie sie ihre Kräfte einsetzen sollten. Sie ließen sich von Celine ordentlich an der Nase herumführen, und es gelang den drei Frauen sogar, einen von ihnen zu köpfen. Celine warf den Kopf theatralisch aus dem Fenster (da muss sie doch an die Szene in Beasts of the Bloody Cypress Yard gedacht haben, in der Jensen Ackles den Kopf ihrer Figur vom Balkon der Südstaatenvilla fallen ließ…).

Nach diesem Sieg verzogen sich die beiden Überlebenden, aber es dauerte nicht lange, da tauchte einer davon mit einer dunkelhaarigen Frau auf. Einer Frau, die Heather und Victoria kannten: Yvette Boudreaux, die Vampirin, die versucht hatte, den Möwengeist aufs Clives Seite zu ziehen! Und jetzt war sie hier! Vor dem Haus!
Aber sie wollte erstmal nur reden. Vor allem mit Celine. Das war fast ein höfliches Gespräch, in dem Yvette mit der Schauspielerin über Clive redete, und mysteriöse Andeutungen über Genealogie machte. Das verstand Celine leider nicht.
Während die beiden im Vorgarten redeten, roch Heather Rauch – aus dem hinteren Teil des Hauses! Schnell gab sie Victoria ein Zeichen, und die beiden Frauen rannten zur Küche. Dort lag ein Molotov-Cocktail auf dem Boden, Flammen krochen des Rosenspalier nach oben, bald – sehr bald – würde das ganze Haus brennen!
Victoria eilte zu Haruko und tat alles, um das Ritual zu beschleunigen, während Heather die Tür zur Küche behelfsmäßig verbarrikadierte, um die Flammen zu bremsen. Und das mit einem Flammenwerfer auf dem Rücken! Das hätte schiefgehen können, liebe Heather! (Was genau Andrew mit dem Flammenwerfer in seinem Arbeitszimmer wollte, kommt in der dritten Folge der zweiten Staffel von Chronos Limit heraus.)

Schließlich bemerkte auch Celine das Feuer. Yvette verabschiedete sich mit einer süffisanten Bemerkung, während die Jäger Haruko, die Schlafenden, den Schrein und die geschwächten Bakus aus dem Haus schafften. Immerhin gelang ihnen das ohne weitere Zwischenfälle. Danach wollten sie dann aber lieber weg, bevor die Feuerwehr auf die Idee kam, Fragen zu stellen. Celine war geistesgegenwärtig genug, um den abgeschlagenen Vampirkopf noch ins Feuer zu werfen, dann machten sie sich davon. Irgendwie würde Andrew schon erklären können, wie die kopflose Leiche in sein Haus kam… immerhin hatte Heather einem Feuerwehrmann etwas von einer wilden Party erzählt. Naja, Andrew dachte sich von Beruf Geschichten aus. Der würde das schon schaffen. Heather nahm eines der Post-its, auf das er seine Ideen notiert hatte, als Trophäe mit.

Danach gingen die drei Frauen noch einen Kaffee trinken, und Celine fragte Heather: „Warum gerate ich eigentlich immer genau dann in Schwierigkeiten, wenn ihr irgendwo auftaucht?“ Heather antwortete: „Das liegt dir im Blut, liebe Cousine. Es ist dein Schicksal!“ Das wollte Celine aber nicht einfach so hinnehmen – sie war Schauspielerin, verdammt noch mal, und keine Monsterjägerin! (Da hatte sie wohl vergessen, dass sie eine Hickman ist. Da kommt man nicht so leicht raus, Sally.)
Die beiden stritten sich noch ein wenig herum, bis Victoria einwarf: „Und was machen wir jetzt wegen Yvette? Und ihrem Babyvampir?“

…tja. Das werden wir wohl noch herausfinden.

Aber zunächst erhielt Heather einen Anruf von Glenn: Er brauchte ihre Hilfe mit seinem Druidenzirkel. Dringend! Nun gut, das ließ Heather sich nicht zweimal sagen – Druiden helfen war doch immer eine prächtige Idee, vor allem dem gutgebauten Glenn.
Sie gab sich also mit Billy die Klinke in die Hand, der gerade Miriam bei Haruko abgeliefert hatte und von dem Bärenmonster in der Kanalisation erzählte. Angeblich wollte es nur traurige Lieder von dem Mädchen vorgesungen bekommen und hatte sie deswegen verschleppt.

Während die drei noch über dieses seltsame Gebaren herumrätselten, klingelte Celines Telefon: Es war Gupta. „Ich brauche Hilfe!“, rief der kleine Pakistani in heller Aufregung. „Da ist ein Monster!“ Celine riet ihm zu einem Salzkreis und machte sich dann mit den beiden anderen auf den Weg. Beim Laden wäre Billy fast von Gupta erschossen worden, als er ungestüm in den Raum stürmte, aber das Missverständnis ließ sich aufklären.
Was war denn nun passiert? Der russische Bärengeist schon wieder! Der hatte Gupta angegriffen! Warum? Das wusste der Ladenbesitzer nun nicht, aber er war schnell bereit, die Stadt mit seiner Familie zu verlassen und einen Cousin in Idaho zu besuchen.

Da Billy, Celine und Victoria vermuteten, dass der Bärengeist hinter den Zeugen her war, stellten sie ihm eine Falle – und benutzten den armen Oscar Lancy als Köder. Das klappte allerdings hervorragend, das russische Monster tauchte auf und wollte dem Taxifahrer den Garaus machen, aber Celine konnte es davon abbringen. Eigentlich wollte der Bärengeist ja nur Wodka, und diese Vampirin hatte ihm viel Geld versprochen, wenn er Gupta, Oscar und noch einen anderen umbringen würde. Aber kein Problem, Victoria und das Blackwood-Vermögen waren ja da und brachten ihn von dieser Idee ab.

In der Stadt konnte man ihn trotzdem nicht lassen. Victoria wusste, dass der Geist an etwas gebunden sein musste, und bei einem kurzen Besuch im Field-Museum fanden sie heraus, an was: An eine alte russische Flöte, die aus dem Knochen eines Bären geschnitzt war. Kein Problem: Der Bärengeist schlug die gesicherte Vitrine ein und rannte dann schnell davon, während Victoria die Flöte in ihrer Jacke versteckte und zum Ausgang schlenderte.
Dann brachten die drei Jäger den Bärengeist auf ein Reservat nördlich von Chicago und überließen einem Heiligen Mann dort die Flöte. Der versprach, sich um Wodka (denn so, und nur so, wollte der Bärengeist genannt werden) zu kümmern und auf ihn aufzupassen. Das sollte in der nächsten Zeit auch ganz hervorragend funktionieren, und es würde lange dauern, bis Billy Hickman Wodka wiedertraf. Sehr lange.

Die drei kehrten zurück nach Chicago und trafen sich wieder mit Heather. Billy beschloss, zu Miriam zu fahren und ihr zu helfen, ihre Träume von den Bakus zurückzubekommen. Heather (die nach etlichen Herumzickereien in Glenns Druidenzirkel genug von ihm und seinen Silbermondinen hatte), Victoria und Celine wollten sich um die Vampirin Yvette Boudreaux kümmern – Wodka hatte erzählt, wo er sich mit ihr verabredet hatte, um das Geld für die Morde an den Zeugen einzukassieren.

Allerdings wollte so etwas gut vorbereitet sein. Zunächst ging es zu einem Bestatter, um Leichenblut zu besorgen – angeblich für eine Performance als Requisite. Celine überzeugte in ihrer Rolle als durchgedrehte Künstlerin restlos, und Victorias Brieftasche wischte die letzten Bedenken des Bestatters beiseite.
Als nächstes ging es in den Zoo, wo Victoria ein Betäubungsgewehr stahl, während Celine und Heather für Ablenkung sorgten (Celine küsste unter großem Beifall der Zoobesucher eine Tierpflegerin).

Schließlich fuhren die drei zu dem Kiosk, wo sich Wodka um Mitternacht mit Yvette verabredet hatte, um seine Belohnung abzuholen. Celine hatte sich als der Bärengeist verkleidet – eigentlich hätte das ja Billy machen sollen, aber als Schauspielerin fühlte sie sich der Rolle durchaus gewachsen und brummte zur Einstimmung, dass es eine wahre Freude war. Victoria hingegen nahm sich ein Hotelzimmer gegenüber, lud das Betäubungsgewehr mit dem Todmannsblut und legte sich auf die Lauer. Heather übernahm es, den unauffälligen Mietwagen zu fahren – schließlich würde das Blut die Vampirin nur lähmen, also mussten sie sie schleunigst wegschaffen.

Wenn ihr jetzt Jäger kennt, wisst ihr, dass Planung häufig der schwerste Teil ist, weil oft viel zu viele Möglichkeiten in die Waagschale geworfen werden. Aber nicht so hier: Die drei Cousinen planten ohne viel Federlesens, begaben sich auf ihre Positionen und warteten. Ja, einmal mit Profis arbeiten – so sieht das nämlich aus!

Der Plan klappte dann auch wie am Schnürchen: Yvette tauchte auf, ging auf den vermeintlichen Bärengeist zu, wurde von Victoria abgeschossen, Heather fuhr den Wagen vor, und bis sie und Celine die reglose Vampirin ins Auto geschleift hatten, schoss Victoria noch den irischen Gangstervampir an und rannte nach unten. Yvettes Gehilfe hatte davon eigentlich schon genug und machte sich hastig aus dem Staub, während die drei Jägerinnen mit ihrer Beute davonfuhren; Heather und Celine im Mietwagen und Victoria im dunkelroten SUV der Vampirin.
Am Hafen machte Heather nicht viele Umschweife, sondern griff die Machete und köpfte Yvette. „Aber“, sagte Celine, „wir hätten noch viel von ihr erfahren können!“ „Mit Vampiren redet man nicht“, erklärte Heather überzeugt. „Die muss man köpfen. So habe ich das von Opa Darren gelernt!“

Dann plünderten sie Yvettes Eigentum. Viel hatte sie nicht dabei: Schmuck, ein Handy (gesperrt), kein Laptop, aber ein dünnes Tagebuch. Darin ging es hauptsächlich darum, wie großartig Clive war. Oh, und dass sie diverse Monster aufgehetzt hatte. Offenbar hatte Clive einen Plan!
Leider stand im Tagebuch nichts Genaueres zu diesem Plan. Nun ja. So ist das mit Schurken – die verkünden ihre Pläne immer erst dann, wenn sie einen gefangengenommen haben und sich in Sicherheit wiegen. Das ist zwar ein Filmklischee, aber es passiert auch in der Wirklichkeit öfter, als man denkt.

Zu guter Letzt nahm sich Heather einen Lippenstift aus Yvettes Handtasche als Trophäe und führte mit Celine ein Gespräch über die Gemeinsamkeiten zwischen Jägern und Serienmördern (es gibt welche, da waren sich beide einig, nur über die moralische Bewertung kamen sie nicht ganz überein). Dann trennten sich ihre Wege fürs erste… aber nicht für lange.

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Fröhliche Weihnachten!
North Pole, New York

Na, wie verbringen die Hickmans wohl Weihnachten? Letztes Jahr saßen Billy und Heather noch zusammen mit Opa auf der Farm in Idaho und sangen fröhlich Lieder wie „Grandma got run over by a reindeer“ oder „Leroy the redneck reindeer“… aber das war vorbei.

Während also Billy etwas Anderes unternahm (dazu irgendwann mehr, wenn ich Zeit habe), machte sich Heather auf dem Weg nach North Pole, New York. Dort befand sich Santa’s Village, ein kleines Weihnachtsdorf, in dem Heather etwas weihnachtliche Stimmung tanken wollte.
Wie es nun der Zufall so wollte, befand sich auch Victoria Blackwood in New York, ebenfalls auf dem Weg nach North Pole. Sie war allerdings nicht hier, um sich an weißem Schnee und besinnlichen Liedern zu erfreuen, sondern aus einem weitaus unerfreulicherem Grund: Ihr Onkel Steward hatte sie angerufen und darauf aufmerksam gemacht, dass es in North Pole unter Umständen nicht mit rechten Dingen zuging. Im Internet hatte er etwas von seltsamen Unfällen und Grusel-Elfen gelesen, also sollte sich das lieber mal jemand anschauen.

In Wilmington, der nächsten Stadt, liefen sich Heather und Victoria über den Weg und beschlossen, gemeinsam Nachforschungen in Santa’s Village anzustellen. Es war nicht weit: Inmitten von schneebedeckten Hügeln fanden sie den kleinen, bunt erleuchteten Vergnügungspark mit ein paar kleinen Läden (für Hüte, Gebäck und andere feine Sachen), ein paar Buden (Hot Dogs mit Curry-Zimt-Soße!) und ein paar Spielgeräten (Rudolphs Schlitten). Es war einiges los, viele Touristen hatten ihren Weg nach North Pole gefunden, die meisten davon Familien mit mehr oder weniger kleinen Kindern.

Kaum hatten Heather und Victoria das Areal betreten, als schon ein Geschrei losbrach: Ein etwa achtjähriger Junge kam heulend angerannt und hatte alle seine Kleider falsch herum an. „Der Weihnachtsmann… er hat gesagt, ich war böse… ich musste meine Kleider umziehen, damit das alle sehen… und mein I-I-I-Phone ist jetzt aus Bio-Schokolade…“ Eine elegant herausgeputzte Frau versuchte ungeschickt, den Jungen zu beruhigen – offenbar ihr Sohn. Es gab noch ein wenig Unruhe, weil sie irgendwann auf einer Trillerpfeife blies und „Pädo-Alarm! Pädo-Alarm!“ schrie, aber schließlich kam ein Verantwortlicher in einem Anzug herbeigeeilt und führte Mutter und Sohn weg. Der Kleine hatte schon wieder Oberwasser und forderte ein neues iPhone. Na, da lag der Weihnachtsmann ja wohl nicht so ganz falsch.

Trotzdem war das merkwürdig. Die beiden Cousinen erfuhren von Mindy, der Elfe (keine echte Elfe, sondern eine Maschinenbaustudentin, die bei der Eiseskälte in einem dünnen Elfenkostüm steckte und dauernd lächelte), dass es schon mehrfach zu seltsamen Ereignissen gekommen war: Ein riesiges Deko-Rentier war auf ein Auto gefallen, das quer auf einem Behindertenparkplatz stand, der Glühpunsch einiger pöbelnder Jugendlicher war auf einmal mit scharfem Chili gewürzt und so weiter. Gut, stellte Heather fest. Da hatte es ja wohl nicht die Falschen getroffen. Allerdings war nicht auszuschließen, dass irgendwann doch mal etwas schiefging.
Mindy erzählte weiterhin, dass Nicolas Hopewell, der Besitzer des Vergnügungsparks, über eine Erweiterung von Santa’s Village für Erwachsene nachdachte: Mit einem Casino mit etwas knapperen Elfenkostümen und einem weihnachtlichen Spukhaus mit Zombie-Rentieren und Gruselelfen.

Heather ließ sich zunächst als Elfe anheuern, um mehr zu erfahren. Das war nicht weiter schwierig: Es gab eine kleine Ausstellung, in der sie und Victoria erfuhren, dass Santa’s Village in den Fünfzigern von Chester Hopewell aufgebaut worden war, dem Vater von Nicolas. Es gab einige Bilder des Gründers, und mit fortschreitendem Alter sah er mehr und mehr aus wie der Weihnachtsmann. Sein altes Kostüm wurde sogar in einer Glasvitrine ausgestellt. Von dem einsamen Enkel erfuhren die beiden Jägerinnen, dass der alte Mann vor wenigen Monaten gestorben war.

Später kam es zu einem weiteren Zwischenfall: Eine eitle Dame und ihre kläffende Fußhupe wurden von einem Deko-Eisbären angegriffen. Es passierte ihr zwar nichts, weil sie sich und Fluffy unter ihr Auto retten konnte, aber ganz so harmlos war das nun nicht. Der Eisbär war zwar aus Plastik, aber trotzdem ziemlich groß. Heather und Victoria beschlossen, dass sie etwas tun mussten.

Es war nicht allzu schwer, darauf zu kommen, dass Chester Hopewell von den Plänen seines Sohns nicht sehr angetan war – der Spuk war aufgetaucht, als die Bauarbeiten an der Erweiterung losgingen. „Ich könnte den Geist des alten Mannes vielleicht rufen“, erklärte Victoria, „aber ich bräuchte etwas Persönliches von ihm… Haare oder Fingernägel oder…“ „…einen Teil seines Kostüms“, ergänzte Heather. Das konnte sie als Elfe doch sicher besorgen!

Ganz so einfach war es dann leider doch nicht – es gelang Heather zwar, die Mütze an sich zu bringen, aber leider warf sie dabei die Vitrine um, wurde erwischt und verlor ihren Job. Das war aber nicht so schlimm, denn so konnten sie und Victoria sich gleich ans Werk machen.
Mit einigem Brimbamborium rief Victoria den Geist herbei, der einem alten Weihnachtsmann aufs Haar glich und ständig „Ho! Ho! Ho!“ sagte. Im Tod war er fast völlig in seiner Rolle aufgegangen, aber die beiden Frauen erfuhren, dass er von den Plänen zur Erweiterung von Santa’s Village ganz und gar nicht begeistert war. „Casino! Spukhaus! Was hat denn das mit Weihnachten zu tun?!?“
Na gut. Der Spuk würde wohl nicht aufhören, bis jemand Nicolas überzeugt hatte, von seinen Plänen abzulassen. Aber das musste sich doch irgendwie bewerkstelligen lassen?

Ließ es. Heather und Victoria überzeugten Nicolas, mit ihnen zu dem schneebedeckten Hügel inmitten von mächtigen Tannen zu kommen und dort den Geist seines Vaters zu treffen. „Aber“, sagte er zweifelnd, „Santa’s Village muss doch wachsen, sonst gehen wir pleite! Ich will Weihnachten doch erhalten!“
„Aber doch nicht so“, widersprach Heather. „Wie wäre es denn mit etwas anderem?“
„Einem Wellness-Hotel“, schlug Victoria vor.
„Genau, und einem Karussell. Oder einer Achterbahn!“, ergänzte Heather.
Ja, das sah Nicolas dann auch ein. Das war wohl weihnachtlicher als Gruselelfen und Horror-Engel. Nach einer letzten Aussprache zwischen Vater und Sohn fand Chester seine Ruhe. Na gut, die Sache mit den Kokain-Schmugglern musste er am Heiligen Abend noch erledigen, aber dafür hatte er ja einen findigen Enkel, und das hat wieder mal mit der Sache hier gar nichts zu tun.

Als sie zurück in Santa’s Village waren, gab Heather Nicolas die Mütze zurück. Dankbar schenkte er den beiden Jägerinnen daraufhin ein lebenslanges Eintrittsticket für den Vergnügungspark… eine bessere Trophäe konnte man sich zu Weihnachten nun wirklich nicht wünschen!

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Die Wildschweinjagd
In Monett, Missouri

Kaum hatten sich Heather Star, Clearwater Billy und Victoria von der Geschichte mit der Rotkappe erholt, als Victoria einen Anruf bekam. Es war Sunny, die Wirtin des Dying of the Light – das kennt ihr nicht? Ein Roadhouse mitten in der Wildnis: Manche sagen, in Montana, andere schwören, es wäre in Arkansas, wieder andere wollen in Virginia dort gewesen sein… ein alter Jäger hat sogar Stein und Bein geschworen, es befände sich in Kanada! Im Gegensatz zu den meisten Roadhouses, die normale Kundschaft dadurch verscheuchen, dass sie besonders heruntergekommen wirken, sieht das Dying of the Light aus wie ein Bistro, mit Spezialitäten wie „Strawberry Soy Caf Frapuccino mit extra Vanillesirup” oder „Decaf Violet Latte (Vegan)“. In der Wildnis von Montana (oder Arkansas, oder Virginia, oder Kanada) schreckt das die Einheimischen mehr ab als nicht geputzte Tische und schlechtes Bier.
Jedenfalls, Sunny war die Wirtin des Roadhouses, und sie rief bei Victoria an. „Wo bist du?“, fragte sie. „Irgendwo in der Nähe der Ozarks in Missouri?“ Victoria bejahte. In den Ozarks war sie ja unzweifelhaft.
„Gut“, Sunnys Stimme klang erleichtert. „Kennst du Tam Jackson? Sie hat angerufen, sie braucht Unterstützung.“ Natürlich kannte Victoria Tam Jackson – sie und die Hickmans hatten die Jägerin in Huntsville und später in Chicago getroffen. Das war die Frau, in die der Vampirfürst Clive verliebt war.
„Was ist denn passiert?“, forschte Victoria, aber Sunny wusste das nicht so genau. Tam hatte sie vor kurzem angerufen. „Sie war in Monett, Missouri, und hatte irgendwelche Schwierigkeiten. Wir haben nur kurz gesprochen, sie sagte etwas von einem Baum und ihrem Akku, und dann war sie weg“, erläuterte Sunny. „Kannst du helfen?“

Natürlich sagten die Victoria und die Hickmans zu. Es gab gerade ohnehin nichts Dringenderes zu tun, und Monett war keine 100 Meilen von Jay entfernt. Leider hatte das Wohnmobil der Hickman-Geschwister unterwegs eine Panne – nichts Gravierendes, aber Billy brauchte ein Ersatzteil, um den Schaden zu reparieren. Also blieb er zurück, und die beiden Jägerinnen fuhren in Victorias Hummer weiter nach Monett.
Als sie dort ankamen, war es schon ziemlich spät, also suchten sie sich zunächst eine Unterkunft. Edna’s Bed & Breakfast machte einen ganz guten Eindruck, also mieteten sie sich in dem kleinen Hotel ein. Sie hatten Glück: Auch Tam Jackson hatte hier übernachtet. Edna war schon ganz besorgt: Tam hatte sich als Privatdetektivin vorgestellt, die hier einer Sache nachging, und jetzt war sie heute früh aufgebrochen und nicht wiedergekommen! Hoffentlich war ihr nichts passiert? Der Chief of Police von Monett war am Vormittag auch schon hier gewesen und hatte nach ihr gefragt…
Was Mrs. Jackson genau untersucht hatte, wusste Edna allerdings nicht. Sie wies ihre neuen Gäste stolz darauf hin, dass sie selbstgemachten Apfelkuchen hatte, und dass es kleine blaue Behälter gab, in die man alte Batterien oder ähnliches entsorgen konnte. Monett hatte nämlich eine Abgabestation für Sonderhausmüll! Das war eine sehr umweltbewusste Stadt.

Heather fragte Edna nach besonderen Bäumen, aber da fiel der älteren Frau nicht viel ein. Vielleicht der einsame Baum an der 1090? Der stand auf einem Hügel und war der einzige in der Gegend, aber ansonsten gab es hier relativ viel Wald, und auch relativ viele Bäume… Na, Victoria und Heather fuhren sofort los, um sich das mal anzuschauen.
Leider gab es bei dem Baum nicht viel zu sehen – keine frischen Reifenspuren, kein Blut. Nur ein paar Rocker, die auf ihren Motorrädern an den beiden Frauen vorbeifuhren. Spontan folgten sie den Bikern, die im nächsten Ort – Freistatt – anhielten und in eine Scheune gingen, aus der laute Musik ertönte. Heather war neugierig und öffnete das große Rolltor. Drinnen saß eine Meute von vielleicht einem knappen Dutzend Rocker und deren Miezen (nennt man die noch so?).
Ein älterer Mann stand auf und erklärte unfreundlich, dass das hier eine private Veranstaltung war. „Verschwindet“, knurrte er.
Das taten die zwei auch, unter diversen Entschuldigungen, aber sie konnten einen Blick auf das große Spanferkel erhaschen, das schon halbaufgegessen auf einem Klapptisch stand. Das war ein sehr großes Spanferkel, fast schon ein Span-Schwein!
Heather schaute sich die Motorräder der Rocker noch einmal genauer an. An einem davon entdeckt sie einen merkwürdigen Kratzer, vielleicht vom Horn oder Hauer eines Tieres? Eines Wildschweins? Aber natürlich konnte der Kratzer auch von einem Poller oder einer Schranke stammen.

Als nächstes wollten sich die beiden sich doch mal Tams Zimmer im Hotel anschauen. Mit etwas List und Tücke fanden sie heraus, dass Tam im Zimmer Nr. 2 untergebracht war, allerdings wollte Edna sie nicht einfach hineinlassen, sodass die beiden beschlossen, sich später Zutritt zu verschaffen.

In Monett fanden sie einen winzigen Irish Pub, wo es Eintopf und irisches Bier gab. Und eine Bedienung, die Tam Jackson kannte. Die hatte sich offenbar für die Sondermüllentsorgung interessiert – wer holte den Müll ab? Wie ging das vor sich? Niemand wusste das, außer den City Commisioners. Oh, und die Jägerin/Privatdetektivin hatte mit dem alten Wachovsky gesprochen. Dem, der an all diese Verschwörungstheorien glaubte.

Zurück bei Edna’s drangen Heather und Victoria vorsichtig in Tam Jacksons Zimmer ein. Sie fanden nichts Spektakuläres – ein paar Kleidungsstücke, Hygieneartikel… eine Karte “Telakhon Investigations, LLC“ mit einer Adresse in Stuttgart, Arkansas, und einer Telefonnummer… eine Karte der Gegend um Monett, auf der sich diverse handschriftliche Kreuze befanden, alle in nordöstlicher Richtung… und ein Zeitungsartikel über den siebenjährigen Magnus Howard Spindelberg, der hier in der Gegend mit seinen Eltern campen war, abends auf eigene Faust los wanderte und kurz darauf tot gefunden wurde. Die Todesursache blieb unklar.
Heather rief bei der Agentur an, für die Tam arbeitete, und erzählte, dass die Privatdetektivin vermisst wurde. Von Charlene Whipple erfuhr sie, dass Tam Jackson sich für den Tod des kleinen Magnus interessiert hatte. Der wurde von Chad Klutman, einem Gerichtsmediziner, untersucht, aber es gab keine Hinweise darauf, was nun wirklich passiert war.
Merkwürdig, die ganze Sache. Heather bat Charlene, sich mal nach dem Gerichtsmediziner und nach der Sondermüllentsorgung umzuhören. Nein, Unterstützung brauchten sie im Moment noch keine, und es musste sich auch niemand Sorgen machen. Schon gar nicht Tams Ehemann.

Am nächsten Morgen rief Charlene zurück: Sie konnte nicht herausfinden, wer den Sondermüll in Monett entsorgte. Das war einigermaßen merkwürdig, weil eine solche Firma doch normalerweise angegeben wurde. Hier: Nichts.

Mit diesem Hinweis versorgt, brachen Heather und Victoria auf, um sich die Orte anzuschauen, die auf der Karte markiert waren. Dabei begegneten sie zunächst Aliza, einer Forstarbeiterin, die einen toten, angefressenen Hirsch gefunden hatte. Sie kamen ins Gespräch, zunächst über die seltsamen Leute aus Freistatt. Ja, die hatten da eine Art Rockergang, angeführt von Otto Eberhardt. Das war wohl der unfreundliche Mann von gestern. Ansonsten züchteten die Eberhardts dort schon seit Generationen Schweine. Der ganze Ort war sehr eigenbrötlerisch und duldete Fremde eigentlich nur während des Erntefests.
Dann zeigten die beiden ihr die Karte. Aliza runzelte die Stirn. „Sieht fast aus wie das Zeug, das Wachovski immer erzählt.“ Wachovski schon wieder! Vielleicht war etwas dran an den wilden Theorien. „Hm“, meinte Aliza. „Mein Verlobter arbeitet bei der Polizei, und er meinte, da würde etwas nicht stimmen… gerade bei dem toten Kind hat niemand allzu genau hingesehen.“
Heather durfte sich den Hirschkadaver anschauen und stellte fest, dass es fast so aussah, als wäre der Hirsch von einem Wildschwein umgebracht und angenagt worden. Schon wieder Schweine. Sehr seltsam.

Bei einem der nächsten Punkte trafen Victoria und ihre Cousine eine zurückgezogene ältere Frau, deren Hund vor einiger Zeit im Wald von einem Wesen getötet worden war. Sie hatte große Angst und erzählte etwas von Männern, die im Helikopter kämen und sie ständig beobachten würden. Offensichtlich war sie ein bisschen irre (ich könnte jetzt erzählen, warum, aber das würde euch beunruhigen).

Zwischendurch fanden die beiden noch Tam Jacksons Auto, einen Renault Kangoo Be-Bop. Seltsames Gefährt, das sich nicht recht zwischen Kleinwagen und Kombi entscheiden konnte. Es war aber ordentlich geparkt, kein Anzeichen für Kämpfe.

Auf dem Weg tiefer in die Berge hinein kamen Victoria und Heather zwei Rocker entgegen. Die wollten offensichtlich nicht, dass sie weiterfuhren, aber sie waren auch nicht bereit, die Frauen anzugreifen. Also verbrachten sie einige Zeit zusammen auf einer Wendeplatte. Albert war relativ charmant und wortgewandt, aber sein Bruder Karl konnte sich überhaupt nicht verstellen. Schade, sonst wäre Albert vielleicht mit der einen oder anderen Lüge durchgekommen.
Heather und Albert belauerten sich eine Weile, bis es Victoria zu dumm wurde: Die beiden Jägerinnen zogen sich zunächst zurück, warteten ab, bis Albert und Karl mit ihren Motorrädern verschwunden waren, und fuhren dann wieder den Berg hoch.
Der Weg wurde schmaler und holpriger. Am Ende fanden sie einen großen orange-roten Container, auf dem groß „Monett Hazardous Waste Facility“ stand. Hier wurden die vollen Müllbehälter also hingebracht! Mitten in den Wald! Victoria fielen dazu ein paar Geschichten von verstimmten oder verseuchten Waldgeistern ein, die sich wehrten oder durch menschlichen Giftmüll aggressiv geworden waren. War das auch hier der Fall?

Heather versuchte, eine Verbindung zur Erde herzustellen. Sie hatte ja einen feinen Sinn dafür und spürte sofort, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmte. Hier war etwas… Ungewöhnliches, aber nicht unbedingt Unnatürliches, aber das wurde fast verdeckt von dem Gift, das sie überall fühlte. Kein schönes Gefühl, übrigens.
Während sie ganz in sich versunken war, hörte Victoria aus dem Unterholz Geräusche: Ein Schnüffeln, ein Grunzen, und dann stürmte ein schäferhundgroßes Ferkel auf die beiden zu. Es sah nicht eben gesund aus, bedeckt von entzündeten Wunden, aber auch sehr wütend. Schnell stieß Victoria ihre abgelenkte Cousine zur Seite, wurde dabei aber selbst von dem Riesenferkel umgerissen. Glücklicherweise kam sie schnell genug wieder auf die Füße und kletterte auf einen Baum. Heather machte das gleiche – sie war noch ziemlich desorientiert, also war es gut, dass sie schon vorher nach einem Baum geschaut hatte, auf den sie leicht hinaufkam.
Das Ferkel schnüffelte noch eine Weile unten herum und zog sich schließlich zurück. Klettern konnte es nicht.

Victoria und Heather setzten ihren Weg fort und kamen schließlich zu einem kleinen, abgeschlossenen Talkessel. Hier war offenbar der Giftmüll kurzerhand hineingeworfen worden und vermutlich in eine tiefe, dunkle Höhle gerollt. Zumindest zum Teil. Auf einem Baum am Rand des Kessels saß Tam Jackson mit einem Gewehr im Arm.
Aufgeregt umrundeten Victoria und Heather den Kessel, der auf der nördlichen Seite geschlossen war, und kamen an einen Punkt drei oder vier Meter über dem Ast, auf dem die schwarzhaarige Jägerin hockte.
„Die Eberhardts haben die Ferkel mit Giftmüll gefüttert, und die haben daraufhin Nutztiere und sogar Menschen angegriffen“, erzählte sie. „Ich bin den Spuren gefolgt, wurde von mehreren Ferkeln angegriffen… konnte zwei töten und mich auf den Baum flüchten, bin aber nicht mehr fit genug, um vor dem Rest wegzulaufen.“ Zwei weitere Ferkel waren in der Höhle, und eins noch im Wald (dem waren Victoria und Heather begegnet). Die Mutter hatte sie bisher noch nicht gesehen.

Heather rief wieder bei Telakhon Investigations an. „Wir haben sie gefunden“, erklärte sie. „Keine Sorge, wir bringen sie hier raus.“ Nur wie? Jetzt fehlte Billy…

Wo war Billy eigentlich? Na, das Ersatzteil war am Abend gekommen. Mit einer sehr hübschen Mechanikerin. Gemeinsam reparierten sie und Billy das Wohnmobil, danach war es spät und beide beschlossen, lieber noch mal diverse Einrichtungsgegenstände auszutesten, vor allem das Bett.
Nach einer lebhaften Nacht und einem herzhaften Frühstück trennten sich die beiden, und Billy machte sich auf den Weg nach Monett. Als er seine Schwester und Victoria nicht fand, rief er sie an und erfuhr, wo sie waren und wie er hinkommen konnte.

Unterwegs traf er Albert und Karl Eberhardt, zusammen mit ihrem Vater Otto und ihrer Schwester Greta. Leider hatten Heather und Victoria Billy nicht sehr viel über die Situation mitgeteilt, also erzählte er freimütig, dass sie eine Bekannte suchten, und nahm das Hilfsangebot der vier Einheimischen arglos an. Ein schwerer Fehler, wie sich schnell zeigen sollte: Als Heather Vorwürfe gegen Otto Eberhardt wegen des Giftmülls erhob, gab er ihr kurzerhand einen Stoß und warf sie den Abhang hinunter!
Glücklicherweise konnte sich die junge Jägerin noch an ein paar Wurzeln halten und stürzte nicht die ganzen fünf oder sechs Meter hinunter. Dafür kam es oben zu einem heftigen Schusswechsel zwischen Billy und Victoria auf der einen und den Eberhardts auf der anderen Seite. Als Heather das Wurzelwerk ausreichend verknüpft hatte, um wieder hochklettern zu können, lagen Otto und Karl bereits blutend am Boden, aber auch Victoria war schwer getroffen worden.

Beherzt griff Heather den Patriarchen des Freistatt-Clans an und setzte ihm ihr Messer an die Kehle. „Gebt auf“, rief sie, „oder ich bringe ihn um!“ Greta sah ihren Gesichtsausdruck und ließ sofort ihre Waffe fallen. „Nein, tu ihm nichts, wir hören auf!“
Nach einem kurzen Austausch zogen sich Greta und Albert mit dem schwer verletzten Karl zurück. Otto blieb als Geisel bei den Hickmans und Victoria. Auch ihn hatte es hart erwischt, aber gemeinsam konnten Victoria und Heather ihn stabilisieren. Als nächstes halfen sie Tam von ihrem Baum auf festen Boden – die Jägerin hatte einen verdrehten Knöchel, diverse andere Wunden und war ausgekühlt und hungrig. Nichts Ernstes also.

Schließlich kam Otto wieder zu sich. „Was sollte das mit dem Giftmüll?“, fragte Heather ihn wütend. Der zuckte nur die Achseln. „Bisher haben die Schweine alles gefressen“, erklärte er selbstsicher. „Es sind Glücksschweine aus der alten Heimat… ab und zu bekommt die Sau Junge, und die füttern wir halt. Das Geld für die Entsorgung war ein willkommenes Zubrot… ist ja nix passiert…“ „Nichts passiert?“, fuhr Heather ihn wütend an. „Die Erde ist verletzt!“ Dann griff sie nach Otto und ließ ihn den Schmerz der Erde spüren. Das tat ihm zwar weh, aber letzten Endes war er kein sensibler Mensch und würde sich deswegen wohl kaum ändern.

Während sich Heather mit Otto herumstritt, blieben Billy und Victoria auch nicht untätig: Sie bauten einen Sprengsatz, um ein für alle Mal mit den Schweinen aufzuräumen. Trotz Ottos Protesten gelang das den beiden ausnehmend gut: Langsam rollte der Sprengsatz auf die Höhle zu, in der sich die Ferkel (und deren Mutter) verborgen hielten, bis Billy im richtigen Moment darauf schoss und ihn zur Explosion brachte! Gut gezielt, die Höhle stürzte ein und vergrub die monströsen Schweine (und einen Großteil des Giftmülls) für alle Ewigkeit. Oder zumindest für die nächste Zeit.

Danach rief Billy einen Krankenwagen für Victoria und auch für Otto. Sollte die Polizei die Sache mit dem Angriff und dem Giftmüll klären!
Das tat sie dann auch, obwohl zunächst Billy, Heather und Tam verhaftet wurden (Victoria kam ins Krankenhaus). Allerdings tauchte ziemlich schnell Don Jackson auf, der Cousin von Tams Ehemann, ein erfolgreicher Strafverteidiger aus der Großstadt, und brachte Ordnung in die Sache. Es gab noch mehr Verhaftungen, Leute aus dem Stadtrat, Medical Examiners, andere Eberhardts, und letzten Endes verließ der Chief of Police Monett hastig und ohne Angabe eines Ziels.

Nachdem alle außer Heather eine Weile im Krankenhaus verbracht hatten, verabschiedete sich Tam. „Danke“, sagte sie. „Wenn ihr mal Hilfe braucht, sagt Bescheid.“ Viel mehr erzählte die wortkarge Jägerin allerdings nicht, sondern verschwand mit ihrem Verwandten zurück zu ihrer Familie.

Tja, so ist das mit den Jägern. Immerhin gab es eine Belohnung für die Aufdeckung des Giftmüllskandals für Billy und Heathers, und das deckte wiederum ihre Krankenhauskosten. Also war das doch ganz gut gelaufen für die beiden Hickmans! Als Trophäe konnte Heather immerhin einen Teil des Wurzelgeflechts behalten, an dem sie sich aus dem Talkessel emporgezogen hatte…

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Rotkappe und Supermond
In Dennis und Zena, Oklahoma

Am Tag nach der Geschichte mit König Arash und seinem Pfeil kam Heather Star Hickman in Gun Barrel City an. Sie hatte bei ihrer Meditation einen netten jungen Streifenpolizisten kennengelernt, und nach einer sehr erfüllenden Zeit mit tantrischen Übungen fuhr er sie zu ihrem Bruder.
Gerade hatten sich die Geschwister ausgetauscht, als Victoria ein Anruf erreichte: „Du bist doch in der Nähe von Jay, Oklahoma, nicht wahr? In der Zeitung stand, dort wäre jemand beschuldigt worden, ein Werwolf zu sein… kannst du dir das mal anschauen? In ein paar Tagen ist ja der Supermond, da könnte ein Werwolf ein echtes Problem sein…“

Gut, also packten Victoria und die beiden Hickmans ihre Siebensachen und fuhren die 350 Meilen nach Norden. Jay war ein kleines Nest von zweitausend Seelen, aber immerhin der County Seat, und es gab einen großen Walmart. Der Zeitungsartikel, den Victorias Verwandter erwähnt hatte, berichtete von einem Streit, der ausgerechnet in diesem Supermarkt zwischen Leuten aus Dennis und Leuten aus Zena ausgebrochen war. Dabei flogen wohl auch Anschuldigungen wie „Ihr habt Wolfsgeister auf uns gehetzt“ und „Einer von euch ist doch ein Werwolf!“ Sehr merkwürdig.

Im Walmart erfuhren die drei Jäger, dass die Leute aus Dennis und die Leute aus Zena schon länger eine Fehde führten. Die beiden Countys lagen direkt nebeneinander, aber während die Einwohner von Dennis relativ wohlhabend waren, herrschte in Zena bittere Armut. Eine genaue Erklärung ließ sich dafür nicht finden. Jedenfalls kamen die Leute aus den abgelegenen Gegenden alle immer donnerstags einkaufen – obwohl sie sich leicht aus dem Weg hätten gehen können. Zu Schlägereien im Walmart war es aber bisher nicht gekommen. „Vielleicht liegt es am Supermond“, mutmaßte der Angestellte und verkaufte Heather eine hübsche Kette mit einem Mondanhänger daran.

Um sich einen besseren Eindruck zu verschaffen, fuhren Heather, Billy und Victoria von Jay aus nach Norden und erreichten Zena als erstes. Zena hatte eine winzige Kirche, vor der ein paar Jugendliche herumhingen. Nach anfänglichem Misstrauen fingen sie an, sich lebhaft mit den Jägern zu unterhalten. Die sechszehnjährige Bridey Sixkiller erzählte, dass sie eines Nachts von etwas verfolgt worden sei – etwas Großem. „Vielleicht sogar ein Werwolf, aber auf jeden Fall aus Dennis! Denen ist ja alles zuzutrauen!“
Schließlich überredete Heather den siebzehnjährigen Ray Clark und seinen Cousin Pearly, ihr zu zeigen, wo ein anderer Angriff stattgefunden haben sollte. Das war auch soweit ganz erfolgreich: Sie fand interessante Spuren, einmal ältere von einem großen Wolfsmenschen, und einmal Spuren von sehr kleinen Schuhen. Von der Größe und dem Gewicht her, meinte sie, könnte es ja ein Kind gewesen sein, aber die Schuhe waren zu schmal für Kinderfüße… sehr merkwürdig.
Es wurde schnell noch merkwürdiger, als ein wildgewordener Hillbilly auftauchte und auf das Grüppchen schoss! Er traf Pearly, glücklicherweise nur ein Streifschuss, aber der Teenager blutete aus einer tiefen Schramme am Oberarm. „Das hier ist mein Land“, brüllte der Schütze. „Verschwindet sofort!“ Billy zog seine Schwester weg, bevor noch mehr Schüsse fielen.

„Das war McClellan“, erklärte Ray. „Wir sind zu weit in Richtung Dennis gegangen.“ Er war aufgebracht, aber nicht eben überrascht. Tja, so ist das halt in den Ozarks. Da wird gern mal scharf geschossen.
Victoria verband Pearly, dann fuhren alle zusammen zurück nach Zena. Heather schaffte es, Rays wilden Racheschwüren Einhalt zu gebieten – zumindest vorerst.

Nachdem sie sich von den jungen Männern getrennt hatten, fuhren die drei Jäger zu einem nahen Campingplatz, wo sie übernachten wollten.
Victoria überlegte noch eine Weile, woher die kleinen Fußspuren stammen konnten. Verlorene Kinder? Kleinwüchsige Zirkusartisten? Was es auch immer war, das Wesen trug Schuhe. Heinzelmännchen vielleicht? Oder… ihr fiel eine alte schottische Geschichte ein, die Geschichte von den Rotkappen: Gemeine kleine Feenwesen, die menschliches Blut brauchten, um ihre Kappen schön rot zu färben. Aber sie durften das Blut nicht selbst vergießen, sonst wirkte es nicht.

Das klang doch nach dem, was hier passierte: Leute wurden aufgehetzt, Blut wurde vergossen, Spuren kleiner Füße. Gerade als Victoria mit ihren Ausführungen fertig war, hörten die drei aus der Ferne einen Schuss. Eilig liefen sie los, um nachzuschauen, was passiert war: Ein paar Jugendliche aus den beiden Bezirken waren am romantischen Mystic Beach (kaum mehr als eine kleine Sandkuhle am Flussufer) aneinandergeraten. Viel war nicht passiert, aber es war Blut geflossen, und als Heather sich umsah, hörte sie aus einem Gebüsch ein schmatzendes, saugendes Geräusch. Leider gelang es ihr nicht, das kleine Wesen zu erwischen, das da saß, aber sie konnte im Mondlicht seine rote Kappe deutlich erkennen.

Nun ja, es war in der Nacht entkommen, also war nicht mehr viel zu tun. Heather Star lud alle Jugendlichen für den nächsten Abend zu einer Mondparty am Mystic Beach ein und schenkte Bridey Sixkiller ihre Mondkette. Das erwies sich ein paar Wochen später als sehr nützlich, weil… aber das ist eine andere Geschichte.

Heather, Billy und Victoria brachen am nächsten Morgen früh zur Delaware Baptist Church auf, weil dort die Leute von Dennis in die Kirche gingen (in die Kirche von Zena hätten die wohl keine zehn Pferde gebracht).
Sie hatten einen kurzen Zusammenstoß mit Mr. McClellan, dem es überhaupt nicht leid tat, dass er sie mit der Schusswaffe von seinem Land vertrieben hatte. Immerhin fanden sie heraus, dass McClellan schottische Vorfahren hatte, wie der Name vermuten ließ. Das brachte die Jäger auf eine Idee, und als der Gottesdienst losging, fuhren sie schnell zurück in Richtung von McClellans Haus.

Auf seinem Grundstück fand Heather Star die Spuren der Rotkappe. Das Wesen hatte sich in einem alten Eishaus niedergelassen, aber als die Jäger sich näherten, rannte es nicht einfach davon, sondern griff wütend an! Mit seinen scharfen Klauen brachte es Heather ein paar Kratzer bei, bevor Billy es niederringen konnte. Aber was sollten sie jetzt mit der Rotkappe machen? Das Wesen musste zurück ins Feenreich, das war ja klar, aber würde es sich an ein Versprechen halten?
Glücklicherweise besaß Victoria noch den Eisenkäfig, in den sie das Pechmännchen in Gun Barrel City gesperrt hatte. Mit ein paar Drohungen von Billy und ein wenig Schmeichelei von Heather versprach die Rotkappe schließlich hoch und heilig, wegzugehen und nicht wiederzukommen. Dann drehte es sich um sich selbst, schneller und immer schneller, und verschwand mit einem lauten Knall. Nur die rote Mütze blieb zurück – eine Trophäe für Heather!

Am Abend feierten die drei Jäger den Supermond mit den Jugendlichen und anderen Leuten aus der Gegend. Alles in allem blieb das Fest erstaunlich ruhig, auch wenn zwischendurch aus weiter Entfernung Wolfgeheul zu hören war – ein Werwolf, erklärte Victoria. Das war ein sehr markantes Heulen! Offenbar gab es hier wirklich eines dieser Monster, aber es schien sich unter Kontrolle zu haben, denn es wurde in dieser Nacht niemand verletzt oder getötet. Nein, auch auf der Feier nicht, obwohl es ein paar Mal kurz davor war. Offenbar brauchten die Leute hier nicht unbedingt eine Rotkappe, um sich nicht zu mögen. Allerdings erfuhren Billy, Heather und Victoria den Grund dafür nicht – zumindest nicht dieses Mal…

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Wie der Pfeil in den Stein kam
In Gun Barrel City, Texas

Im Purtis Creek State Park in Texas steht ein Findling, in dem ein alter Pfeil steckt. Jemand hat hastig die Worte „Dieser Stein ist verflucht“ unter den Schaft gemeißelt, der mehrere Zoll tief in den Felsen eingedrungen ist.

…das klingt ominös, nicht wahr? Nun ja. Die Wahrheit ist, um es milde auszudrücken, erstaunlich: Diesen Pfeil hat der alte persische König Arash abgeschossen. Wie es dazu kam?

Es fing mit einer Gun Show in Gun Barrel City, Texas, an. Clearwater Billy Hickman hatte seine Schwester am Zulauf des Cedar Creeks abgesetzt, damit sie dort ihre Verbindung zur Erde stärken konnte, und war selbst dem Aufruf eines Flyers gefolgt: „Brady Gun Show! Alte Waffen, neue Waffen, gebrauchte Waffen, Waffen für jeden Geschmack und Geldbeutel! Privatverkäufe erlaubt!“ Das klang doch spannend! Vielleicht wusstet ihr es noch nicht, aber Billy interessierte sich sehr für Waffen jeglicher Art.
Victoria hingegen hatte die Information bekommen, dass das Old Red Museum in Dallas, Texas, einen Teil seines Bestands verkaufen wollte – darunter auch etliche relativ alte Waffen auf einer Gun Show in Gun Barrel City. Sie wollte sich das anschauen und sichergehen, dass dort keine verfluchten Waffen oder ähnliches in Umlauf kamen.

Am Eingang zur Gun Show trafen sich Billy und Victoria. Das war nicht so schwer, weil weder der metallic-grüne Hummer noch das bunte Wohnmobil allzu leicht zu übersehen waren. Und noch ein Auto war nicht so leicht zu übersehen: Stingers brandroter Pickup-Truck war auch da! Was machte denn der hier?
Das sollten Victoria und Billy schnell herausfinden. Noch während sie auf das erste Verkaufszelt zu schlenderten, wurden sie Zeugen einer kuriosen Szene: Ein offensichtlich verwirrter Mann redete in einer fremden Sprache auf eine junge Frau ein, die gar nicht verstand, warum ihr Freund sich plötzlich so seltsam benahm. Victoria glaubte, eine Art altpersischen Dialekt zu erkennen, aber sicher konnte sie nicht sein.
Der Zwischenfall endete recht schnell, der junge Mann schüttelte sich kurz, konnte sich nicht recht erinnern, was passiert war, und stapfte los, um diese besonders großen Schnellfeuerwaffen anzusehen. Hinter ihm sahen Victoria und Billy Stinger, der erfreut grinsend auf die beiden Jäger zukam.

„Das war nicht der erste“, erzählte er nach einer kurzen Begrüßung. „Da waren noch drei oder vier andere, die so komisch gebrabbelt haben! Ich habe das aber aufgenommen“, er schwenkte sein Handy, „und schicke das jetzt an den Doc. Der ist Sprachwissenschaftler, der kennt sich damit aus!“ (Ich erzähle vielleicht ein anderes Mal, woher Stinger einen Doktor der Linguistik kannte. Es hatte mit einer Hexe zu tun.) Sobald Stinger mehr wusste, würde er Bescheid sagen, aber bis dahin trennten sich Victoria und Billy erst mal wieder von ihm.
Sie liefen noch eine Weile kreuz und quer durch die Zelte und an den Ständen vorbei. Billy fand eine Taurus Judge Magnum, einen Schrotrevolver, den er sich leider nicht leisten konnte, aber seine Cousine Victoria kaufte ihm die Waffe kurzerhand.

Schließlich kamen sie bei dem Stand des Old Red Museums an. Dort gab es etliche Bürgerkriegswaffen im Angebot, dazu ein paar indianische Steinmesser und einen Bogen. Er sah eigentlich relativ neu aus, aber die Bauweise und die Verzierungen deuteten auf die persische Antike hin. Der Student, der die Waffen verkaufte, erklärte, dass der Bogen und die drei Pfeile dazu aus dem Nachlass eines alten Iraners stammten, der seine Heimat beim Fall des Schah-Regimes verlassen hatte. Angeblich handelte es sich bei der Waffe um den Bogen Arashs – eines alten persischen Königs, der damals mit den Turanern im Krieg lag und von seinen Feinden das Angebot bekam, er könnte ja einen Pfeil abschießen und sämtliches Land, über das der Pfeil hinwegflog, würde künftig ihm gehörten (der Rest dann halt den Turanern). Arash schoss, und angeblich flog der Pfeil mehrere Meilen weit. Möglicherweise starb Arash dabei, weil er seine Lebenskraft mit dem Geschoss mitgeschickt hatte. Oder er wurde hundert Jahre alt, das wusste ja heute kein Mensch mehr.

Während Victoria und Billy sich mit dem Studenten unterhielten, kam ein anderer Interessent, berührte den Bogen kurz und fing ein paar Momente später an, altpersisch zu reden und ziemlich desorientiert dreinzublicken. Er fragte immer wieder „Turani? Turani?“, aber niemand wusste, was das hieß. Allerdings erholte er sich genauso schnell wie der andere.

Gut, irgendetwas stimmte hier nicht, also zückte Victoria ihre Kreditkarte und kaufte den Bogen (und die Pfeile). Als sie und Billy den Stand verließen, bemerkte Victoria einen schwarz gekleideten Mann mit Cowboyhut, der ihnen folgte. Zunächst wollten sich die beiden Jäger heimlich davonstehlen, aber dann überlegte Billy, was seine Schwester wohl getan hätte – na klar: Die hätte ihren Verfolger sofort konfrontiert.

Das konnte Billy natürlich auch. Der Mann in Schwarz erklärte, sein Name wäre Enrique Izbal. „Der Bogen ist verflucht“, sagte er. „Ihr müsst ihn zerstören! Mit Feuer und Salz!“ Okay, das klang ja glaubhaft, also verließen Billy, Victoria und der Fremde die Gun Show und versuchten, den Bogen anzuzünden. Leider funktionierte das nicht so richtig: Das Feuer brannte zwar munter, beeindruckte das alte Holz jedoch überhaupt nicht. Enrique versuchte noch ein paar andere Dinge – darunter einen Exorzismus. Offenbar war er ebenfalls ein Jäger!
Währenddessen spürte erst Billy, wie etwas versuchte, in seinen Geist einzudringen, dann Victoria. Clearwater Billy konnte sich gut dagegen wehren, aber Victoria war wohl etwas abgelenkt: Jedenfalls spürte sie, wie das Bewusstsein von König Arash ihren Körper kurz übernahm. Offensichtlich wusste der alte Perser überhaupt nicht, wo er war und was hier vorging – er machte sich nur Sorgen um sein Reich und die Turaner. Bösartig wirkte er nicht, und als Billy seine Cousine mit ihrem Namen ansprach, verließ er sie wieder.

Als sie erzählte, was sie über König Arash herausgefunden hatte, wehrte Enrique ab. „Das ist ein Dämon, wir müssen den Bogen zerstören“, beharrte er, aber selbst ohne gute Menschenkenntnis wurde Victoria und Billy klar, dass er nicht alles erzählte. Victoria sagte ihm: „Wir können den Bogen gerade ja ohnehin nicht zerstören, wir müssen weiter nachforschen.“ Gemeinsam brachten sie die Waffe zum Wohnmobil der Hickmans. Dort verstaute Billy sie im Inneren, während Enrique den Wagen genau musterte. So leicht würde der wohl nicht aufgeben.

Victoria und Billy fuhren mit dem Wohnmobil los. Sie wollten den Bogen abseits von größeren Menschenmengen genauer untersuchen (und abseits von Señor Izbal). Leider entpuppte sich der Mann in Schwarz als ziemlich hartnäckig und verfolgte sie in einem staubigen schwarzen Dodge. Mit dem schweren Hickman-Wagen konnten sie den vermutlich nicht abhängen. Aber da fiel Victoria ein, dass sie ja Stingers Telefonnummer hatte! Sie rief ihn an und bat ihn, Enrique abzulenken. Nun, wenn es etwas gab, das Stinger wirklich gut konnte, dann war es, für Ablenkung zu sorgen. Kurze Zeit und einen harmlosen Autounfall später waren Billy und Victoria ihren Verfolger los.

Im Purtis Creek State Park fanden die beiden Jäger eine Lichtung, auf der sie ihren Plan umsetzen konnten. Der mutige Billy rief nach König Arash, und tatsächlich tauchte der Geist auf und übernahm Billys Körper. Leider konnte er immer noch kein Englisch, und Victoria gelang es zunächst nicht, ihm begreiflich zu machen, dass er doch den Bogen abschießen möge.
Also rief sie Stinger noch einmal an. Konnte der Doc ihr vielleicht helfen? Ja, konnte er. Der Doc klang zwar, als hätte er Halsschmerzen oder wäre Batman, aber er übersetzte eine einfache Phrase ins Altpersische: „Das Reich ist sicher, König Arash, wenn du deinen Bogen noch einmal abschießt.“

Der alte Herrscher verstand, als Victoria ihm diese Worte sagte. Er hob den Bogen, nahm einen Pfeil und schoss. Billy spürte, wie der Geist ihn verließ, um mit dem Pfeil zu fliegen – allerdings nahm Arash noch einen Teil von Billys eigener Lebenskraft mit. Das war ein ganz schön anstrengender Schuss!

Nachdem Clearwater Billy sich ein wenig ausgeruht hatte, folgten er und Victoria dem Pfeil. Das Geschoss hatte mehrere Baumstämme durchschlagen und war schließlich in dem Findling gelandet – so tief, dass niemand den Pfeil so einfach wieder herausbekommen würde.
Während Victoria noch sicherging, dass König Arash seine endgültige Ruhe gefunden hatte, meißelte Billy die Worte „Dieser Stein ist verflucht“ in den Felsen. Dann nahm Victoria den Bogen, schenkte ihrem Cousin einen Pfeil als Trophäe, und machte sich mit ihm auf den Rückweg zur Gun Show.

Dort trafen sie Stinger wieder und tranken ein paar Bier mit ihm. Alles in allem eine sehr erfreuliche Gun Show! Nur was aus Enrique Izbal geworden war, wusste niemand. Stinger hatte ihn bei seinem kaputten Auto gelassen, und er tauchte auch nicht wieder auf. War er wirklich ein Nachfahre der Turaner, wie Billy und Victoria mutmaßten? Oder steckte etwas ganz Anderes dahinter? Wir werden sehen…

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Das Pechmännchen
In Protection, Kansas

Eigentlich wollten sich Celine und Billy mit Tam Jackson in Boston treffen, aber dummerweise kam der anderen Jägerin etwas dazwischen und sie bat darum, das Treffen nach Chicago zu verlegen.
Das war ungeschickt für Celine, die musste nämlich zu einem Dreh nach Florida – Inzombia, es ging um Zombies und Hausfrauen, und sie sollte als Zombiekönigin… aber nein. Das führt zu weit.

Jedenfalls fuhren Heather Star, Victoria und Clearwater Billy ohne Sally nach Chicago. Das war schade, weil es ja hauptsächlich darum ging, dass der Vampirfürst Clive Galloway wiederholt in den Träumen der Schauspielerin aufgetaucht war und behauptet hatte, sie sähe aus wie seine Schwester. Aber egal – so leicht ist es eben nicht, sich mit aktiven Jägern (oder Schauspielern) zu treffen.

Tam erzählte, dass sie ein unsichtbares Albino-Krokodil in der Kanalisation gejagt hätte. Leider stammte ihre Jagdpartnerin wohl aus der Familie ihres Ehemanns und fand, unsichtbare Krokodile wären doch sicher eine gefährdete Spezies und sollten beschützt werden. Also wurde das Monster kurzerhand grün angesprayt und in einen Zoo verfrachtet. Heather fand das ganz großartig und fragte sich laut, ob mögliche Nachfahren der Kreatur vielleicht auch unsichtbar sein würden? Tam wurde etwas nervös und rief jemanden an, der sich darum kümmern sollte.
Schließlich kam dann doch noch die Sprache auf Clive. Tam erklärte noch einmal, dass er früher Jäger war. Dieser Jäger hätte sicher nicht zum Vampir werden wollen. Heather sprach sie auf die Angel Foundation an – konnte es sein, dass Clive etwas damit zu tun hatte? Tam schüttelte den Kopf. Die Angel Foundation war aufgelöst (es folgte etwas Gemurmel über die Apokalypse, aber das war nicht so ganz verständlich), Clive hatte damit nichts zu tun. Immerhin kam dabei heraus, dass der Anwalt, den Heather von New York aus angerufen hatte, ein Cousin von Tams Ehemann war.
Wo sie gerade beim Thema Familie waren: Clive hatte wohl eine jüngere Schwester gehabt, die von einem Monster zerrissen worden war, und fing deswegen mit der Jagd an. Die Verbindung zu seiner Familie hatte er zu diesem Zeitpunkt abgebrochen, aber Tam wusste, dass die Galloways nach dem Tod des Mädchens von New York nach Protection in Kansas gezogen waren.

Kansas war zwar nicht der nächste Weg, aber die Hickmans und Victoria hatten sonst nichts Besseres zu tun, also fuhren sie los, um sich Clives Familie mal anzusehen.

Protection war ein winziges Kaff mitten im Nichts. 500 Einwohner, Tendenz: fallend. In Don’s Place & Gifts trafen die Jäger Don (einen Ex-Börsenmakler aus Washington – er hatte sich in der Provinz Ruhe und Frieden erhofft). Selbstverständlich kannte er die Galloways, immerhin waren die auch aus der Großstadt. In letzter Zeit hatten sie allerdings viel Pech gehabt: Sebastian hatte sich das Bein gebrochen, ein Cousin von ihm hatte eine gefrorene Frisbeescheibe (?) an den Kopf bekommen. Heather, Billy und Victoria wurden hellhörig. Hatte es jemand auf Clives Familie abgesehen?

Sie verabschiedeten sich von Don und fuhren zwei Straßen weiter zum Haus von Sebastian und Erica Galloway. Dort sahen sie ein kleines Mädchen, das unter einem Baum spielte. Über ihr balancierte ein fetter Kater auf einem schmalen Ast, und Heather Star fiel sofort auf, dass der Ast sich viel zu sehr unter dem Gewicht bog! Er würde brechen!
Sie rannte los, schob das Mädchen weg und schaffte es sogar, die fette Katze zu fangen. Die war allerdings nicht sehr dankbar und kratzte sie ordentlich. Hinter ihnen krachte der Ast auf den Boden.

Die Mutter des Mädchens stürmte aus dem Haus, heilfroh, dass der kleinen Nelly nichts passiert war. Sie kam ins Gespräch mit den Hickmans und Victoria und ließ sich bereitwillig ausfragen: Nein, sie hatten schon ewig nichts mehr von Clive gehört. Ja, er war verschwunden, nachdem seine jüngere Schwester Micky – Michelle – gestorben war. Als sie ein Bild von Celine zeigen, bestätigen die anwesenden Galloways (es wurden mit der Zeit immer mehr, nachdem sich die Rettung des kleinen Mädchens herumgesprochen hatte, und das ging in Protection ziemlich schnell), dass die Schauspielerin Micky schon ein bisschen ähnlich sah. Vielleicht, mutmaßte Heather, gab es ja verwandtschaftliche Beziehungen zwischen den Hickmans und den Galloways? Das ließ sich allerdings nicht so schnell herausfinden.
Jedenfalls bestätigten die Galloways, dass sie seit drei bis vier Monaten unter einer Pechsträhne leiden: Verlorene Jobs, kaputte Gegenstände, Unfälle… an Halloween stand sogar ein Horror-Clown mit einer Axt vor der Tür! Da hatten sie allerdings Hilfe: Ein großer Afroamerikaner griff den Clown an und zerrte ihn vom Haus weg.
Den Afroamerikaner hatten noch zwei oder drei andere Galloways gesehen, als er ihnen zu Hilfe kam. Er hatte nicht viel gesagt, nur behauptet, „Jones“ zu heißen.

Victoria erklärte den anderen, dass solche Pechsträhnen verschiedene Gründe haben könnten: Flüche (sehr beliebt), unwillige Geister oder verschiedene Monster, die Glück fraßen oder Pech brachten. Gerade als sie die Pechmännchen erwähnte, die sich gern in einem Haushalt einnisteten, sah Heather eine winzige schwarze Hand, die aus dem Schatten nach dem Backofen angelte. Na, damit war ja klar, was die Galloways plagte… nur, was konnten die drei Jäger dagegen tun?

Heather schaute in ihr Buch, Victoria überlegte noch ein bisschen. Die Pechmännchen waren schwer zu sehen, wurden aber von glücklichem Gelächter angelockt. Man konnte sie mit einem geweihten Gegenstand aus Eisen erschlagen, aber wenn man das tat, blieb an dem Ort ihres Todes ein Schatten des Pechs zurück – also sollte das vielleicht nicht gerade im Haus der Galloways passieren.
Gut. Um glückliches Gelächter zu bekommen, wurde für den Abend gleich mal eine Barbecue-Party im Garten organisiert. Dann galt es, einen Gegenstand zu beschaffen – Oma Megans altes irisches Kreuz war aus Eisen, aber eigentlich wollten sie der alten Frau ihren Schutz nicht wegnehmen.
Aber Billy war ja nicht nur groß, stark und gutaussehend, sondern auch geschickt mit seinen Händen: Er hämmerte ein eisernes Kreuz zusammen, das zwar nicht so kunstfertig aussah wie das der Galloway-Großmutter, aber das gut in der Hand lag. Dann gingen sie zu einem freundlichen Reverend, der es für sie weihte und sich Sorgen machte, weil Heather immer ohne Schuhe herumlief. (Sie musste eben ihre Verbindung zur Erde aufrechterhalten.)

Da das Pechmännchen ja nicht im Galloway-Haus erschlagen werden sollte, stattete Victoria Don’s Place & Gifts noch einen Besuch ab und erwarb einen engmaschigen Käfig aus Eisen, der ursprünglich eher ein Kunst- oder Dekorationsobjekt gewesen war. Aber für ihre Zwecke war er ideal, wenn auch ziemlich teuer. (Dabei wurde Don gleich noch zur Party eingeladen. Er kam gerne und verbrachte viel Zeit damit, Billy anzuschauen.)

Entsprechend ausgerüstet begann die Grillfeier. Nach etwa einer halben Stunde erspähte Heather das Pechmännchen, das sich im Schatten herumdrückte und darauf wartete, irgendwo Unheil veranstalten zu können. Aber diesmal hatte es sich verrechnet: Bedrohlich ging Clearwater Billy mit einer Blumenstange aus Eisen auf das kleine Monster zu, und als es panisch vor ihm davonlief, musste Victoria den Käfig nur auf- und wiederzumachen. Sie hatten das Pechmännchen gefangen!

Jetzt schnell weg damit. Aber ganz so einfach war das gar nicht: Zunächst fiel Heather über ein herumliegendes Bobbycar und schrammte sich die Knie auf. Dann löste sich die Handbremse eines stehenden Autos und es rollte auf Victoria zu – Billy stieß sie aus dem Weg, wurde dabei aber selbst umgefahren. Schließlich schafften sie es, mit dem Pechmännchen auf ein Feld außerhalb der Stadt zu kommen, aber ausgerechnet dort tauchte natürlich der entflohene Bulle von Farmer Appleton auf. Heather und Victoria flüchteten sich auf einen Baum (der Käfig mit dem Pechmännchen blieb aber unten), während Billy den Stier ablenkte. Leider lief das nicht so gut für ihn, und er wurde schmerzhaft auf die Hörner genommen.
Heather sprang aufgeregt aus der Deckung und leitete den wütenden Stier weg von ihrem Bruder in eine schmale Bodensenke. Dort hatte dann erfreulicherweise mal das mächtige Tier Pech und verhakte sich mit seinen Hörnern in einem Strauch. Hastig versammelten sich die Jäger wieder bei dem Käfig. Billy nahm das Kreuz, Victoria öffnete den Käfig, das Pechmännchen wollte hinaushuschen und – zack! – schlug Billy zu. Volltreffer! Mit einem leisen Zischen verging das kleine Monster, nur ein dunkler Fleck blieb auf der Erde zurück.

Zufrieden machten sich die drei Jäger wieder auf den Rückweg nach Protection. Hinter ihnen lief der arme Stier über den Pechfleck und rammte den Baum schmerzhaft. Na, der hatte dann auch genug für diese Nacht!

Beim Grillfest wurde erstmal Billy von Heather verarztet. Victoria erfuhr, dass in der Zwischenzeit jemand unbedingt einen Gasgrill anzünden musste – aber an dem haftete wohl noch etwas Pech, jedenfalls flog er mit lautem Getöse in die Luft. Gut, dass Jones rechtzeitig da war, um Cousin Oscar zur Seite zu stoßen!
Jones war noch auf der Feier, also sprach Heather ihn natürlich an. Er war allerdings eher unfreundlich und fühlte sich von der guten Laune der jungen Jägerin angegriffen. Ja, sie hatte ja gut lachen mit einem rassistischen Präsidenten, sie war ja weiß! Black Lives matter! Grummelnd zog er sich schließlich zurück.

Danach rauchten Heather und Clearwater Billy noch einen Joint, Victoria verzichtete. Dann verabschiedeten sie sich von den Galloways und voneinander und zogen erst einmal weiter – auf der Suche nach dem nächsten Monster oder dem nächsten Fluch…

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Der Termin mit dem Möwengeist
In Mystic, Connecticut

Nach den Ereignissen in Kentucky (wir erinnern uns: Trickstertuch und Schnappschildkröte) war es eine Zeitlang ruhig. Billy und Heather Star fuhren durch die Gegend, erlegten das eine oder andere uninteressante Monster, Victoria erforschte einen alten Fluch (oder womit sich Blackwoods eben so die Zeit vertreiben) und Celine Hayward drehte einen Vampirfilm, bei dem zwar ein echter Gnom, aber keine Vampire für Ärger sorgten.

Allerdings hatte Celine Clive, den Vampirfürst, nicht vergessen. War ja auch schwierig, wenn er immer wieder durch ihre Träume geisterte und ihr erzählte, sie würde ihn an seine kleine Schwester erinnern. Daher hatte sie sich mit Tam Jackson in Boston verabredet, um näheres über deren ehemaligen Jagdpartner zu erfahren.

Während also Celine und Billy schon auf dem Weg nach Boston waren, traf sich Heather Star mit Victoria in New York. Victoria hatte nämlich vor kurzem einen Besuch von Mouse Blackwood bekommen, der ihr einen Brief vom Archiv brachte.
(Mouse Blackwood ist ein immenser, muskulöser Mann, der sich nicht sehr für Bücher interessiert und lieber ins Fitnessstudio geht. Eigentlich heißt er Erasmus mit Vornamen – seinen Spitznamen hat er, weil das lateinische Wort „musculus“ sowohl „Muskel“ als auch „Mäuschen“ heißen kann. Das ist eben Blackwood-Humor. Nun ja.)

Im Blackwood-Archiv gibt es (hat man mir erzählt) einen riesigen Kalender, in dem alle möglichen Termine eingetragen sind („Geist befrieden – Donnerstag“, „Apokalypse verhindern – Januar“, „Höllenloch-Ritual – bald“ und so weiter). Wenn ein Termin ansteht, bekommt ein beliebiger Blackwood die Information, er möge sich darum kümmern. Diesmal hatte es also Victoria erwischt. Sie sollte in den Nationalpark fahren und dort die Möwen mit Fleisch füttern. Das war wohl Teil eines Pakts, den einer ihrer Vorfahren mit einem mächtigen Geist geschlossen hatte.
Na gut, Möwen fraßen normalerweise kein Fleisch. Andererseits waren die Vögel dann auch wieder nicht so wählerisch.

Also brachen Heather und Victoria auf und machten eine gemütliche Wanderung durch den Wald Als sie an der Küste ankamen, fanden sie jedoch nicht etwa den Findling, der sich Gull Rock nannte und an dem die Möwen hätten sein sollen, sondern nur einen etwas verloren aussehenden Kiosk, in dem es Postkarten, Infobroschüren und allerhand Plüschtiere gab. Die einzigen Möwen, die die beiden Jägerinnen vorfanden, waren putzige Plüschmöwen.
Auf einer Postkarte konnte Victoria den Gull Rock jedoch sehen – ein etwa tischgroßer Findling, auf dem lauter Möwen herumsaßen. Der Student, der im Kiosk arbeitete, wusste nicht, wo der Stein hingekommen war. Das Büdchen gab es seit Sommer, es wurde von der Angel Foundation finanziert. Ziemlich sinnlos, eigentlich, weil hier fast niemand vorbeikam, aber hey, er war im Voraus bis zum Frühling bezahlt worden.

Sehr verdächtig, fand Victoria. Sie und Heather finden an, im Internet nach der Stiftung zu recherchieren. Schnell zeigte sich, dass diese Foundation an etlichen Stellen in den USA an wertvollen Naturschauplätzen solche Kiosks gebaut hatten – allerdings nicht immer mit der richtigen Genehmigung. Die Stiftung war mittlerweile insolvent, die Verantwortlichen hatten sich abgesetzt. Eine andere Umweltorganisation hatte – vertreten durch eine Anwaltskanzlei – Klage erhoben. Victoria notierte sich die Nummer der Anwälte. (Wo Anwälte ihre Finger im Spiel haben, kann ja nichts Gutes rauskommen. – Oder? Dazu später mehr.)

Bei ihren Recherchen hatten die beiden herausgefunden, dass es in den letzten Monate mehrere merkwürdige Zwischenfälle gegeben hatte – drei Boote waren von etwas angegriffen worden, vielleicht einem Vogelschwarm. Alle an Bord waren zu Tode gehackt worden. (Ein Containerschiff, ein Ausflugsboot, eine Yacht.)
Natürlich erkundigten sie sich in Mystic, dem nächsten Ort, beim Hafenmeister. Der erzählte freimütig von den seltsamen Vorfällen und erwähnte, dass sich auch eine andere Frau danach erkundigt hätte. Zusammen mit ihr hätte er die GPS-Daten der drei Schiffe verglichen und festgestellt, dass alle drei sehr nahe an Ram Island in der Bucht vorbeigefahren waren.

Ram Island hatte nun eine interessante Geschichte: Vor der Ankunft der Weißen wurde die Insel immer wieder von einheimischen Stämmen für Rituale benutzt, und obwohl sich die Stämme nun keineswegs gut verstanden, gab es nie Streit durch. Danach hatten immer wieder einzelne Leute versucht, sich dort anzusiedeln, waren aber gescheitert. Das letzte Mal war das in den 70ern passiert, eine Gruppe Hippies, die meinten, sie könnten nur von Kokosnüssen und Sonnenlicht leben. Immerhin hatte es ein Mann geschafft, fast fünf Jahre auf der Insel zu bleiben. Angeblich hatten ihn die Erdstrahlen genährt. Er war völlig verwahrlost und halb verhungert gefunden und in ein Heim gebracht worden. Dort lebte er jetzt immer noch.

Heather Star war neugierig auf den alten Hippie, Sunny Jim (geb. James Brockner), also fuhren sie und Victoria los, um ihn zu besuchen. Das war für Heather ein schönes Treffen, weil sie mit Sunny Jim genau auf einer Wellenlänge lag. Sie steckte ihm heimlich ein paar Joints zu und erfuhr, dass es auf Ram Island eine Quelle gab, bei der die mystische Strahlung besonders stark war. Möwen gab es auf der Insel ab nicht. Nur Wellensittiche, die die Hippies angeschleppt hatten.

Fein. Es wurde Zeit, Ram Island einen Besuch abzustatten, aber nicht mehr an diesem Tag. Abends im Hotel sahen Victoria und Heather noch eine gutaussehende Brünette, die mit einem gutgekleideten Mann im Anzug flirtete, aber sie maßen ihr keinerlei Bedeutung bei. Hätten sie mal lieber auf die Zähne geachtet!

Am nächsten Morgen fuhren sie mit Kenny und seinem Mietboot los. Er machte sich etwas Sorgen um seinen Kollegen Jason, der wohl letzte Nacht noch rausgefahren war – das Boot war zwar zurück, aber es war nachlässig vertäut. Das sah Jason gar nicht ähnlich, und erreicht hatte er ihn auch nicht.
Nun, zunächst war Ram Island aber wichtiger. Als sie sich der Insel näherten, tauchte ein ganzer Schwarm Möwen auf und ließ sich bedrohlich auf dem Boot nieder. Aber die beiden Jägerinnen waren gut vorbereitet: Sie hatten sich zur Abwehr gegen einen Vogelgeist in feuerfarbene Gewänder gehüllt. Victoria hatte zusätzlich noch ein bronzenes Amulett aufgetrieben, das weiteren Schutz bringen sollte.
Außerdem hatten sie Fleisch und andere Leckereien dabei. Heather bot den Möwen etwas davon an und schaffte es, die Tiere zu überzeugen, dass sie mit guter Absicht gekommen waren. Sie und Victoria durften die Insel betreten, Kenny blieb beim Schlauchboot zurück und wartete auf die beiden.

An der Quelle wurden Victoria und Heather von dem Möwengeist in Gestalt eines kräftigen Indianers mit prächtigem Schmuck aus Möwenfedern empfangen. Er war sehr ungehalten, weil die Blackwoods versprochen hatten, sich um seinen Stein zu kümmern – aber dann waren Leute gekommen und hatten ihn ins Meer gekippt. Er musste Gull Rock verlassen und hatte diese Insel gefunden, die er auch ganz angenehm fand. Trotzdem: Der Pakt war gebrochen worden, und letzte Nacht war eine Frau dagewesen, die ihm einen neuen Pakt angeboten hatte. Mehr Macht für ihn, wenn er sich mit ihrem Meister Clive verbünden würde.
Clive? Oha! Heather und Victoria erklärten, dass es sich hier um einen Untoten handelte. Das hatte der Möwengeist schon gemerkt, war aber tatsächlich nicht sehr angetan davon. Mit einer mitreißenden Rede überzeugte Heather ihn, dass der Vampir viel versprach, was er nicht einhalten konnte – sie und Victoria würden ihr Bestes versuchen, um ihm unerwünschte Gäste vom Hals zu halten, und sie würden jährlich neue Opfer bringen. Das akzeptierte er; vermutlich spürte er, dass Heather und Victoria es ernst meinten.

Nach einer kleinen Feier, bei der der Möwengeist jeder der beiden Frauen eine seiner Federn als Unterpfand schenkte (eine Trophäe für Heather!), kehrten die beiden Jägerinnen mit Kenny zurück nach Mystic. Es stellte sich schnell heraus, dass Jason zum Opfer eines Vampirs geworden war – die Brünette aus dem Hotel! Sie nannte sich Yvette Boudreaux, hatte Mystic jedoch bereits verlassen. Vermutlich hatte ihr jemand den Namen „Hickman“ zugetragen, und da wurde ihr der Boden zu heiß.

Zuletzt riefen Heather und Victoria bei der Anwaltskanzlei in Chicago an und sprachen mit Donald Jackson. Der erklärte ihnen, dass die treibende Kraft hinter der Angel Foundation nicht mehr existierte („er ist über seine eigenen Machenschaften gestolpert“ war die Erklärung). Gut, das war ja schön, aber der Schaden war schon angerichtet. Victoria informierte das Archiv über diese Entwicklung – die Blackwoods sollten ein Auge auf diese überflüssigen Kiosks haben.
Heather erzählte dem Anwalt, dass Clive Galloway vielleicht einen Vorteil aus der Situation ziehen wollte. Dr. Jackson meinte, der Name käme ihm bekannt vor, er würde Erkundigungen anstellen lassen.

Danach brachen Heather und Victoria auf, um sich wieder mit Billy und Celine zu treffen und herauszufinden, was den beiden in der Zwischenzeit widerfahren war…

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Die Sache mit der Schnappschildkröte
In Huntsville, Tennessee

Wir hatten die Hickmans und ihre Cousine Victoria Blackwood nach der Sache mit dem Trickstertuch verlassen, aber damit waren sie noch nicht fertig in Kentucky. Von Bobby Hickman und Tam Jackson hatten sie erfahren, dass zwei Leute im nahen Sumpfgebiet von einer monströsen Schnappschildkröte angegriffen worden waren, und das mussten sie sich natürlich anschauen.

Heather Star hatte allerdings einen sehr netten Menschen getroffen, der sich näher mit ihr über den Kosmos und Marihuana unterhalten wollte, deswegen beschloss sie, sich lieber der Spiritualität zu widmen. Mit einer Schildkröte würde ihr Bruder doch wohl alleine fertigwerden!

Sally – Entschuldigung, Celine – war gar nicht so wild darauf, in Kentucky zu bleiben, zumal ihr Filmdreh ja abgesagt war. Allerdings hatte ihr Agent einen neuen Auftrag aufgetan: Eine Dokumentation über genau den Sumpf, in dem die Leute angegriffen worden waren. Celine seufzte. Dann würde sie sich wohl auch um das Monster kümmern müssen…

Es erwies sich aber schnell als vorteilhaft, dass sie dabei war, denn die beiden Leute, die angegriffen worden waren, waren zwei Caterer vom alten Filmdreh gewesen, die Sally… Celine natürlich kannte. So konnte sie sie im Krankenhaus besuchen – die arme Sonya X. war bei dem Angriff schwer verletzt, ja verstümmelt worden. Da sie unter Medikamenten stand, machte sie sich nicht allzu viele Gedanken und erzählte freimütig, dass sie und ihr Kollege Burt im Sumpf hatten zelten wollen – Natur und so weiter, das sei ja gut für den Geist. Tja, für den Geist vielleicht, aber ansonsten war es eher fatal: Burt hörte in der Nacht ein Geräusch und verließ mit Sonya das Zelt. Da war etwas, etwas sehr großes, aber als Burt ein Foto davon machen wollte, biss das Monster ihm den Kopf ab. Sonya stand wie gelähmt, bis es sie auch angriff und ihren zur Abwehr hochgehaltenen Unterarm abriss. Dann rannte sie, aber sie hatte gesehen, was es war: Eine riesige Schnappschildkröte, so groß wie ein Kleinbus!
Natürlich war sie traumatisiert und dachte, diese Erinnerung hätte ihr der Schock vorgegaukelt. Sie war mit Burt ja vorher bei einer kleinen Farm im Sumpf gewesen und hatte dort Schnappschildkrötensuppe gekauft und gegessen, vielleicht war die ja schlecht gewesen? Celine sagte ihr nicht, dass die Welt viel gefährlicher war, als die arme Catererin dachte.

Vor dem Krankenhaus berichtete Victoria, dass sie natürlich schon von solchen Monstern gehört hatte. Riesige Schnappschildkröten? Ein Vorfahr von ihr hatte mal mit einer gekämpft, und nicht einmal seine Gatling hatte den mächtigen Panzer durchdringen können. (Ach, das waren noch Zeiten, als die Blackwoods mit einer Gatling auf Monsterjagd gingen!) Allerdings waren diese Kreaturen zwar Fleischfresser, fraßen aber normalerweise keine Menschen und waren generell nicht besonders aggressiv. Na, das hier war offensichtlich die Ausnahme. Nach kurzer Beratung meinte Clearwater Billy, er hätte noch etwas Dynamit hier, wenn man das unter die Schildkröte bekam, sollte die Sache damit doch erledigt sein. Gut, gesagt, getan, das Dynamit wurde eingepackt, eine Ziege als Köder gekauft und dann ging es auf in den Sumpf.

Zunächst kamen sie an der kleinen Farm vorbei, die Sonya X. erwähnt hatte. Die lag wirklich sehr einsam, aber es gab ein paar Wegweiser und einen kleinen Laden, in dem Billy, Celine und Victoria eine sehr junge Frau trafen, die sich wirklich freute, sie zu sehen. Sie hoffte ja, dass auf Dauer mehr Touristen hier vorbeikommen würden, weil die Gegend eigentlich sehr schön wäre. Die Spezialität hier war eine würzige Suppe aus dem Fleisch von Schnappschildkröten, die im Sumpf lebten und von ihren Cousins Herbert und Conrad gejagt wurden. Die Suppe gab es sogar in Dosen, und Billy kaufte sich ein paar davon. Victoria und Celine hingegen hielten sich lieber an die veganen Kürbiskern-Gojibeeren-Riegel (glutenfrei).
Allerdings fiel Celine auf, dass die junge Frau etwas bedrückte. Zögernd erzählte das Mädchen schließlich, dass vor einiger Zeit ein Umweltschützer hier gewesen war, der seltene Tierarten suchte. Vielleicht, hatte der junge Städter gesagt, könnte man hier sogar einen Nationalpark errichten. Und standen Alligatorschnappschildkröten nicht unter Tierschutz? Jedenfalls war dieser Idealist in den Sumpf gegangen und nicht wiedergekommen. Vermutlich, sagte das Mädchen, war er zurück nach Chicago gefahren, aber so ganz glaubte sie das nicht. Sie wollte aber auch nicht sagen, was ihm hätte zustoßen können, aber Celine hatte den Verdacht, es könnte etwas mit den jagenden Cousins zu tun haben.

Nach kurzem Aufenthalt kamen sie an dem kleinen Zeltplatz an, auf dem Burt und Sonya gelagert hatten. Es wehten noch ein paar Fetzen gelbes Polizeiband herum, aber generell schien die Untersuchung hier beendet zu sein. Kein Wunder, die Polizei war ja nicht zum Monsterjagen da!
Sie schlugen ihre Zelte auf und bekamen gegen Abend Besuch. Es waren Herbert und Conrad, die Schnappschildkrötenjäger. Die wollten wissen, was die Fremden im Sumpf machen und wirkten nicht sonderlich freundlich.
„Wir suchen den seltenen Juchtenkäfer“, antwortete Victoria geistesgegenwärtig. „Haben Sie den vielleicht gesehen?“
Nein, hatten sie nicht – kein Wunder, der Juchtenkäfer lebt nur in Europa, aber das wussten die beiden Hinterwäldler natürlich nicht. Schließlich verabschiedeten sich die beiden mit der Warnung, es könnte ja nachts ganz schön gefährlich sein im Sumpf. Soso.

Kurz danach brach Victoria noch einmal auf. Es ging ihr nicht gut (vielleicht der Kürbiskernriegel?), sie wollte in die Apotheke fahren, um sich Medikamente zu holen – aber leider erwischte sie am Rand von Huntsville die Übelkeit so richtig, und sie mietete sich gerade so im nächsten Motel ein. Da blieb sie dann auch erstmal. Arme Victoria!

Billy und Sal… Celine saßen also jetzt allein im Sumpf, zusammen mit der Ziege und ohne Auto. Aber das war ja nicht so schlimm, sie hatten Dynamit und Suppe, also war zumindest Billy zufrieden.
Sie machten sich etwas zu essen – Billy aß von der Schnappschildkrötensuppe, und die Ziege bekam auch etwas davon (das schmeckte ihr nicht, aber sie hatte keine Wahl). Celine waren das zu viele Kohlenhydrate zum Abendessen. Schließlich legten sich die beiden schlafen.

Aber sie konnten sich nicht lange ausruhen. Mitten in der Nacht tauchten Herbert und Conrad wieder auf – die beiden teilten die Begeisterung ihrer Cousine für Fremde, Touristik und Umweltschutz nicht. Sie wollten die merkwürdigen Eindringlinge loswerden, bevor noch jemand auf die Idee kam, ihnen das Jagen zu verbieten!
Es gab einen konfusen nächtlichen Kampf zwischen Billy, Celine und den beiden Hinterwäldlern. Schüsse fielen, es gab Verletzte, einer der beiden Männer ließ sich von Celine um den Finger wickeln und niederschlagen. Der andere… tja. Der wurde von der riesigen Schnappschildkröte erwischt. War es der Kampflärm, der sie angelockt hatte? Oder die panische Ziege? Wer weiß.

Celine flüchtete, verfolgt von dem Monster. Trotz seiner Größe war es nicht so behäbig, wie die Schauspielerin gehofft hatte – sie stolperte über eine Wurzel, und das riesige Wesen holte sie ein. Begutachtete sie einen Moment und ließ dann von ihr ab. Drehte sich um und stapfte auf Clearwater Billy zu. Das konnte Celine nun nicht zulassen – sie stürzte sich auf die Schnappschildkröte, erwischte ihren Bürzel und hielt sie mit aller Kraft fest! …nun ja. Wer weiß, ob die Kreatur das überhaupt merkte. Sally ist mutig und clever, aber leider auch eher zierlich gebaut.

Aber Billy hatte einen Plan, und das Dynamit lag bereit. Er rief seiner Cousine eine Warnung zu, zündete den Sprengstoff in letzter Sekunden und hechtete in Deckung. Das hätte auch fast funktioniert, aber die Lunte war zu kurz, die Wucht der Explosion erwischte ihn und mitsamt den Überresten der armen Schnappschildkröte flog er ungebremst durch einen Baum. Das bekam ihm nicht sehr gut, und er blieb mit etlichen gebrochenen Knochen liegen.
Auch Celine hatte kein Glück – sie war ebenfalls zu nah an der Explosion dran und wurde unter einem großen Teil des Panzers verschüttet. Glück im Unglück, sie erlitt keine weiteren Verletzungen, aber sie konnte den schweren Panzer nicht allein bewegen.

Am nächsten Morgen fanden Victoria (der es schon besser ging) und Heather Star (immer noch selig von ihrer Exkursion) die beiden, befreiten Celine und brachten Clearwater Billy in ein Krankenhaus. Dabei fiel ihnen auf, dass bei den Überresten der Schildkröte auch eine Kappe lag – eine blutbefleckte Baseballkappe mit dem Schriftzug „Our World First“. Eine Umweltorganisation, sollte das vielleicht die Kappe des Umweltschützers sein? Hatte möglicherweise sein Geist Besitz von der Schildkröte ergriffen? Falls ja, war seine Rache jetzt wohl perfekt, denn einen seiner Mörder hatte das Monster erledigt, und der andere lag etwas zu nah an der Explosion.

Aber das werden wir wohl nie erfahren. Allerdings gab es keine weiteren Vorkommnisse in dem Sumpf – Celine Hayward drehte dort ihre Dokumentation fast ohne Vorfälle, Billy blieb eine Weile im Krankenhaus, Heather erforschte noch ein wenig ihre Spiritualität und Victoria schrieb hoffentlich einen Bericht fürs Archiv.
Später fertigte Billy aus einem großen Bruchstück des Schildkrötenpanzers einen Schild für seine Schwester: Gleichzeitig ein nützlicher Gegenstand und natürlich auch eine Trophäe!

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Das Trickstertuch
In Huntsville, Tennessee

In dieser Geschichte kommen gleich zwei neue Gesichter vor: Victoria Blackwood und Celine Hayward. Victoria ist eine Blackwood, wie sie im Buche steht (und mit Büchern kennen sich die Blackwoods bekanntlich aus): Wohlhabend, gut informiert und ein kleines bisschen überheblich. Sie fährt einen metallic-grünen Hummer, ein riesiges Auto, das im Laufe der Geschichte sogar eine kleine Rolle spielen wird. Sie ist mit Heather Star und Clearwater Billy über deren Mutter verwandt.
Celine Hayward ist Schauspielerin. Bisher hat sie hauptsächlich in Horrorfilmen mitgespielt, aber sie ist noch jung und hofft, bald anspruchsvollere Rollen zu bekommen. Was Celine mit den Hickmans zu tun hat? Nun ja, sie hieß nicht immer Celine Hayward – der Name, den ihr ihre Eltern gegeben haben, ist Sally Hickman. Allerdings will sie mit Jägern und Monstern eigentlich nichts zu tun haben. Eigentlich. Aber dem Namen Hickman entkommt man nicht so leicht…

Vermutlich hatte ja nun jeder und sein Stachelschwein mitbekommen, dass das Trickstertuch in Huntsville, Tennessee, aufgetaucht war. Was war ein Trickstertuch? Was konnte man damit machen? Warum interessierte das überhaupt jemanden? Darauf gab es so viele Antworten wie Jäger, aber die einfachste war wohl: „Keine Ahnung, aber ich will mir das mal ansehen“. Das war zumindest Billys und Heathers Grund.
Victoria wusste etwas mehr. Mit einem Trickstertuch konnte man magische Rituale umdrehen, das klang doch interessant. Konnte man sicher mal brauchen.
Celine war gar nicht wegen dieses Dings hier, die hatte einen Dreh im nahen Örtchen Winona. (Der Film hieß „Deadly Dancing“ und drehte sich um eine mörderische… na, ist egal. Er wurde ohnehin nicht gedreht.) Allerdings hatte ihr niedlicher Kleinwagen eine Panne, der Typ, der sich darum kümmern sollte, war mehr an Celine interessiert als an dem Auto, also beschloss sie, per Anhalter weiterzufahren. Und wie es der Zufall so wollte, kam genau in diesem Moment Victoria mit ihrem Hummer vorbei…

Victoria und Celine trafen Billy und Heather bei einem der letzten freien Cottages, wo Billy gerade grillte und Heather sich bei einem dicken Joint entspannte. Die anderen Hotelräume und Ferienwohnungen waren schon besetzt – es war wirklich viel los in Huntsville! Überall liefen grimmige Gestalten mit Gewehren und / oder archaischen Waffen herum und erschreckten die Einheimischen. Die konnten einem schon leid tun mit den ganzen Jägern im Ort.

Während die vier Verwandten gemütlich grillten und sich gegenseitig austauschten, peitschten auf einmal Schüsse durch die Nacht. Nanu? Was war denn jetzt los? Billy und die anderen gingen nachsehen. Bevor sie überhaupt irgendwo ankamen, lief ihnen ein Mann entgegen, Mitte 30, vage gutaussehend. „Lauter Irre“, erklärte er mit einem schiefen Grinsen. „Ich mache hier einen Abendspaziergang und die ballern auf mich!“ Scheinbar hatten sie ihn allerdings nicht getroffen. Er stellte sich als Clive vor, ein Jäger, der wegen des Trickstertuchs hier war. Ein paar andere Jäger hatten ihn wohl für ein Monster oder etwas Ähnliches gehalten. Hah!
Die Hickmans luden den unbekannten Jäger erst mal ein, ihr Abendessen zu teilen. Hunger hatte er nicht, und als Victoria ihm Wein anbot, sagte er: „Ich trinke keinen… Wein.“ Das hätte jemanden misstrauisch machen können, nicht wahr? Aber er lenkte schnell ab. „Wusstet ihr schon, dass es hier eine Schlucht gibt, die die Einheimischen Loki’s Gulch nennen?“ Wenn das nicht mal nach Trickster klang.
Victoria erklärte, morgen Abend gäbe es eine bestimmte Sternenkonstellation, die das Öffnen von Toren begünstigte. Was hatte das zu bedeuten? „Vielleicht ist es eine Falle“, gab Heather zu bedenken. Lauter Jäger an einem Fleck… das Gerücht hatte sich doch nicht zufällig wie ein Lauffeuer verbreitet.
Die Theorie wurde eine Weile diskutiert, aber dann wurde es Billy zu dumm. „Egal“, sagte er. „Wir gehen da jetzt hin und sind vorbereitet.“

Nach diesen weisen Worten verabschiedete sich Clive bis zum nächsten Abend, während der Rest schlafen ging.

Am nächsten Tag fuhren die Hickmans und ihre Verwandte nach Huntsville und sprachen mit einigen Jägern. Einer von ihnen war Stinger – von dem habt ihr sicher schon gehört. Enthusiastisch, wenn auch nicht sehr helle, freundlich, wenn auch manchmal etwas zu freundlich. Fuhr einen monströs aufgemotzten Truck. Der war hin und weg von Victoria (bzw. von ihrem Hummer) und ließ sich widerstandlos überreden, die Hickman-Truppe abends zum Loki’s Gulch zu begleiten.
Bei ein paar anderen war das nicht so einfach, aber letzten Endes kamen die Hickmans, Stinger und etwa ein halbes Dutzend weiterer Jäger überein, sich gemeinsam in die Höhle des Löwen zu wagen.

Aber es galt noch, Vorbereitungen zu treffen: Celine besorgte mit ihrem Charme einige Quads, mit denen man gut zum Loki’s Gulch fahren konnte (für normale Autos und sogar für den Hummer war das Gebiet zu unwegsam). Den japanischen Touristen, die die Fahrzeuge eigentlich gebucht hatten, bot sie stattdessen eine Sightseeing-Tour zum Drehort an – sie konnte ja nicht wissen, dass zwei von ihnen von Dämonen besessen waren. Aber das ist eine andere Geschichte.
Heather versuchte in der Zwischenzeit, eine gefälschte Replik des Trickstertuchs herzustellen. Dabei half ihr allerdings weder Mutter Erde noch der große Joint – Celine hingegen fand die Idee brillant und erzeugte mit etwas Make-up gleich drei sehr überzeugende Fälschungen. Diese Tücher sahen mysteriöser und tricksteriger aus als das Original, kann ich euch sagen.

Schließlich ging es dann los. Alle waren angespannt, bis auf Stinger und Heather, die vorher noch ein paar Joints geraucht hatten. Kurz vor Mitternacht kamen sie an Loki’s Gulch ein, einer schmalen Schlucht mit steilen Wänden. Vorsichtig bewegte sich die Jägertruppe hinein, und dann schnappte die Falle zu!

Clive tauchte auf, in Begleitung von einem Dutzend Vampire. Ja, der nette Jäger von gestern Abend war selbst ein Vampir und hatte die Hickmans hintergangen!
„Ich will nur das Trickstertuch“, feixte er. „Wenn ihr es habt, gebt es mir lieber.“ Seine Vampirtruppe leckte sich hungrig die Lippen.
„Wir haben das Tuch“, erklärte Celine fest und zog das blaue Tuch aus ihrer Tasche (die anderen waren grün und orange). „Du kannst es haben, aber du musst uns gehen lassen. Sonst“, sie zog ein Feuerzeug aus ihrer Handtasche, „sonst zünde ich es an!“
„Einverstanden.“ Clive nickte und winkte seine Vampire zurück.

Allerdings waren einige der Anwesenden nun mal Jäger durch und durch. Die redeten nicht mit Vampiren, die töteten Vampire. Deswegen griffen Serpico Jones und fünf andere zu einem strategisch geschickten Zeitpunkt an.
Sie waren zu sechst. Es waren doppelt so viele Vampire. Strategie hin oder her, nach kurzem, blutigen Kampf waren drei Vampire kopflos und die Jäger lagen blutleer am Boden. Ruhe sanft, Serpico Jones (und ihr anderen, deren Namen ich vergessen habe oder nie kannte).

Celine, Victoria und die Geschwister hatten sich an dem Kampf nicht beteiligt. Stinger auch nicht, der war immer noch viel zu bekifft. Celine hob das blaue Tuch und ihr Feuerzeug. „Lasst uns gehen“, forderte sie wieder, und Clive bedeutete seinen Vampiren, die Jäger zu ihren Quads zu lassen.
Victoria und Billy stiegen auf zwei Quads, Heather und Stinger teilten sich ein anderes. Celine hielt immer noch das Tuch. Dann ließ sie das Feuerzeug aufflackern, hielt es an eine Ecke des Tuchs, bis es Feuer fing. Ließ es fallen und rannte wie der Teufel zu ihrem Quad.

Clive raste zu dem lodernden Stück Stoff und verschwendete Zeit damit, es zu löschen. (Hoffentlich hat er sich die Finger dabei verbrannt!) Das nutzten die Hickmans und Victoria aus, um mit Stinger und den Quads zu entkommen.

Gut, das war kein so großer Erfolg für die Jägertruppe – sie lebten noch und sie hatten Clive das gefälschte Tuch untergejubelt… aber andere hatten den Tod gefunden, und vom echten Trickstertuch hatten sie auch nichts gesehen. Trotzdem, das hätte viel schlimmer laufen können. Alles in allem waren unsere Freunde ganz glimpflich davongekommen. Und eine Trophäe hatte Heather auch ergattert: Eins der anderen falschen Trickstertücher.

Am nächsten Morgen trafen sie sich mit Stingers Freunden Tam Jackson und Bobby Dee Hickman (noch eine Cousine!) im Diner. Dort erfuhren sie, dass Clive Galloway früher tatsächlich ein Jäger war. Tam kannte ihn aus dieser Zeit – sie war seine große Liebe (die hatte er in Loki’s Gulch kurz erwähnt, offenbar brauchte er für sie das Trickstertuch?), allerdings auch verheiratet, und nicht mit Clive. Vor einiger Zeit wurde er zum Vampir – beinahe zum Vampirgott, aber das hatten Bobby Dee und die beiden andern verhindern können. Victoria schlug vor (oder war das Heather?), diese Tatsache mal allgemein bekannt zu geben. Gute Idee.
Celine erfuhr hier zu ihrem Leidwesen, dass der Dreh abgesagt war. Bobby und ihre Freundin hatten die Dämonen bei der Touristengruppe bemerkt und waren ihnen gefolgt. Dabei kam es allerdings zu allerlei Trubel am Filmset: Ein Beleuchter war tot, der Regisseur und der Hauptdarsteller brauchten psychische Betreuung… das übliche. Celine war darüber sehr unglücklich, aber andererseits war das ja nicht ihre Schuld. Sie rief gleich ihren Agenten an, der sollte dafür sorgen, dass sie keine finanziellen Nachteile dadurch hatte.

Jedenfalls waren diese Dämonen auch hinter dem Trickstertuch her gewesen. „Und wenn die jetzt denken, dass Clive das Ding hat?“, schlug Celine vor. Zwei Fliegen mit einer Klappe. Pragmatische junge Dame – sie konnte sich ja nennen, wie sie wollte, aber da merkte man ihr die Hickman-Abkunft deutlich an.

Die beiden Gruppen (Billy, Heather, Celine und Victoria / Bobby Dee, Tam und Stinger) trennten sich an dieser Stelle wieder. Bobby Dee und ihre Freunde wollten sich weiter um Clive kümmern, und unsere Freunde… nun, da war noch diese Sache mit dem Monster im Sumpf, das zwei Caterer von der Filmcrew angegriffen hatte. Aber das ist eine andere Geschichte…

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